Frauen Kunst Wissenschaft - Halbjahreszeitschrift
 
Aktuelles - Rezension

Susan Marti: Femme, art et religion au Moyen Âge

Das Museum Unterlinden in Colmar (F) zeigte in der ersten Hälfte dieses Jahres eine Ausstellung mit dem Titel "Les dominicaines d'Unterlinden". Sie widmete sich den historischen und kulturellen Zeugnissen dieses Dominikanerinnenklosters, in dessen Räumlichkeiten das Museum in Colmar heute bekanntlich untergebracht ist. Zum ersten Mal konnten somit archivalische Schriftstücke, Handschriften, Tafelbilder, Skulpturen und zahlreiche Devotionalien wieder in demjenigen räumlichen Kontext versammelt werden, in dem sie einst beheimatet waren und gebraucht wurden.1 Das Kloster war im mittleren 13. Jahrhundert gegründet und in der Französischen Revolution aufgehoben worden; seine kulturelle Blütezeit erlebte es im Spätmittelalter.
Im Zusammenhang mit der Ausstellung veranstaltete das Museum unter der Leitung von Jean-Claude Schmitt, dem Studiendirektor der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris, ein dreitägiges Kolloquium mit ReferentInnen aus Frankreich, Deutschland, der Schweiz und den Vereinigten Staaten.2 Die Fragestellung war breit gefaßt: Frauen, Kunst und Religion im Mittelalter. Die Veranstalter hatten ein doppeltes Ziel vor Augen: Zum einen sollten die bisher in Frankreich wenig rezipierten Untersuchungen aus dem deutschen und anglophonen Sprachraum zum Thema bekannt gemacht und der Austausch zwischen französischen und ausländischen ForscherInnen gefördert werden, zum anderen wollte man einem Laienpublikum Einblick in gegenwärtige Forschungsarbeiten bieten.
Gemessen an diesen Zielvorgaben kann das Kolloquium als gelungen bezeichnet werden. Die thematische Vielfalt der Beiträge war gross, die ausgesprochen angenehme und gastfreundliche Atmosphäre trug viel zu einem regen Gedankenaustausch bei. Aus einer engeren fachwissenschaftlichen Perspektive stellt sich vielleicht die Frage, ob eine etwas konzisere Themenstellung es nicht besser ermöglicht hätte, übergreifende Thesen zu erörtern. Aus der Gegenüberstellung von Beiträgen zu verwandten Themenbereichen wurde deutlich, dass auch in grundsätzlichen Fragen keinerlei Konsens herrscht. So wird beispielsweise, um eine auch in Bezug auf Ausstellung und Katalog wichtige Perspektive herauszugreifen, kontrovers diskutiert, ob und in welchem Maße der Gebrauch und die Bedeutung von Bildwerken in Frauen- und Männergemeinschaften unterschiedlich sind. Reflexionen über Methoden- und Theoriefragen waren wenig präsent. Ob dies damit zusammenhängt, dass in Beiträgen zur mittelalterlichen Kunstgeschichte Fragestellungen der Geschlechterforschung noch immer eher selten aufgegriffen werden?
Den Kern- und Schwerpunkt der Tagung bildeten Beiträge, die sich mit der Bildkultur von spätmittelalterlichen Frauenklöstern in Deutschland befaßten und damit das Unterlindenkloster in einen breiteren kulturhistorischen Rahmen stellten. Dies war sowohl in der Ausstellung wie im Katalog nicht geleistet worden. Jeffrey F. Hamburger (Harvard University) interpretierte die originelle und komplexe Ikonographie von zwei als "Nonnenarbeiten" klassifizierten Buchmalereien als Beitrag zu einer eigenständigen und, nach Hamburger, frauenklosterspezifischen Bildkultur. Thomas Lentes (Universität Münster) analysierte die rund 1000 Erwähnungen von kleinformatigen religiösen Bildern im Geschenkbuch aus dem Dominikanerinnenkloster St. Nikolaus in Undis in Straßburg, welche die Nonnen 1576-1592 hergestellt und verschenkt hatten. Die malenden Klosterfrauen bzw. die von ihnen in Umlauf gesetzten Bilder wurden in der fast ausnahmslos protestantischen Umgebung zum wichtigsten Vermittlungsmedium religiöser Inhalte und damit letztendlich des Seelenheils, wichtiger noch als die nicht regelmäßig verfügbare Messe. Damit verkehrt sich, so die These von Lentes, die für das Spätmittelalter häufig gebrauchte Gleichung - den Frauen das Bild, den Männern die Sakramente - fast in ihr Gegenteil. Um den Austausch, das Kopieren und Weiterverschenken von Miniaturen und Druckgraphiken zwischen Nonnen, Mönchen und weltlichen Familienmitgliedern und um das dadurch aufgebaute Kommunikationsnetz drehte sich der Beitrag von Peter Schmidt (Universität Frankfurt) am Beispiel des bekannten Dominikanerinnenklosters in Nürnberg. Es wurde deutlich, dass weniger die Frage, wer denn ein einzelnes Blatt hergestellt habe, als vielmehr dessen mannigfaltiger Gebrauch aufschlußreich ist. Carola Jäggi (TU Berlin) analysierte Textstellen zu Skulpturen aus den süddeutschen Schwesternbüchern und wies nach, dass in den Gnadenerlebnissen der Klosterfrauen nicht von den häufig als "Anregungsmittel der Meditation" interpretierten Andachtsbilder (Vesperbilder, Christus-Johannes-Gruppen usw.) berichtet wird, sondern von traditionellen Bildwerken wie Marienstatuen und Kruzifixen. Diese dienten den Nonnen auch als persönliche Gesprächspartner und Tröster. Judith Oliver (Colgate University) erläuterte am Beispiel von illuminierten liturgischen Handschriften aus norddeutschen Frauenklöstern, welche Bedeutung dem Osterfest im religiösen Leben der Nonnen zukam. Die mit Miniaturen, farbigen Noten und farbigen Wörtern verzierten Buchseiten trugen das Ihre dazu bei, die Osterriten als ein Fest für alle Sinne und für alle Kunstgattungen (Drama, Musik, Skulptur, Textilkunst usw.) zu gestalten.
Um diesen auf die spätmittelalterlichen deutschen Frauenklöster bezogenen Schwerpunkt herum gruppierten sich weitere, zeitlich, örtlich und thematisch unterschiedliche Referate: Die Rolle der Laien, das Verhältnis von Laienfrömmigkeit zur Frömmigkeit im Frauenkloster beispielsweise (Robert Suckale, TU Berlin), ein didaktisches, von einem Mann entworfenes Bildprogramm einer Handschrift zur Erziehung einer jungen adligen Dame zu Gehorsam und Demut (Gude Suckale Redlefsen, Bamberg/Berlin), ikonographische Traditionen wie die der Magdalenendarstellung auf italienischen Retabeln (Daniel Russo, Dijon) oder der monastischen Regelübergabe (Dominique Donadieu-Rigaut, Paris) u.a.
Eine letzte Gruppe von Vorträgen konzentrierte sich auf bildliche Darstellungen von Frauen und von Weiblichkeit. Jean Wirth (Universität Genf) präsentierte Miniaturen von segnenden Frauen, ein Gestus, der - obwohl theologisch-dogmatisch den Priestern vorbehalten - sich bei Maria, bei Äbtissinnen und sogar bei weltlichen Frauen findet. Michael Camille (University of Chicago) analysierte die gotischen Wasserspeier in menschlicher Form mit markanten weiblichen Geschlechtsorganen am Bischofspalast von Sens. Deren Bedeutung sei nicht mit medizinhistorischen oder modernen psychologischen Kategorien zu erfassen, sondern habe den verschiedenen - rechtlichen, theologischen, ikonographischen usw. - Diskursen Rechnung zu tragen hat, mit denen im 13. Jahrhundert der weibliche Körper konstruiert und beschrieben wurde und stehe somit in der langen und zutiefst ambivalenten Tradition der luxuria-Darstellungen. Christiane Klapisch Zuber (Paris) befaßte sich schließlich mit der Moralisation des häuslichen Mobiliars am Beispiel der italienischen Hochzeitskoffer, deren Innendeckel oft eine nackte Frau und einen bekleideten Mann als Paar zeigen.

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