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Call for Papers
Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Frauen- und Geschlechterforschung an der Universität Kas-sel, Schwerpunkt "Konstruktion" (Urte Helduser, Daniela Marx, Tanja Paulitz, Katharina Pühl)
under construction?
Feministische Konstruktivismen in Theoriedebatten, Forschungs- und Alltagspraxis. Ein interdisziplinärer Workshop, Universität Kassel, 16.-18.1.2003
Geschlecht als Konstruktion ist für viele inzwischen selbstverständlicher Ausgangspunkt ihrer wissenschaftlichen Perspektive. Für andere sind konstruktivistische Positionen in der Frauen- und Geschlechterforschung seit längerem und immer noch provokativ. Dabei wird der Konstruktionsbegriff jedoch nicht immer in gleicher Weise gefüllt und bleibt zuweilen unscharf. Gemeinsam ist den unterschiedlichen konstruktivistischen Auffassungen, die soziale und kulturelle Konstruiertheit der Kategorie Geschlecht (aber auch die von Klasse, Rasse, Nation etc.) entgegen einem essentialisierenden Verständnis hervorzuheben. Sie sehen weder ?Geschlecht? noch ?Natur? als etwas Ursprüngliches oder sozialer Verhältnisse bzw. kultureller Produktion Vorgängiges an, sondern als ?gemacht? und daher prinzipiell kontingent. Vereindeutigungen und Naturalisierungen von Geschlecht versuchen sie kritisch zu unterlaufen, indem sie Herstellungsprozesse rekonstruieren und sichtbar machen. Damit betont die konstruktivistische Intervention zugleich auch die Gestaltbarkeit von Konstruktionsprozessen in Wissenschaft und Alltagsverhältnissen. Mittlerweile ist sie in verschiedene sozial- und kulturwissenschaftliche Arbeitsfelder bzw. methodische Zugänge diffundiert. Eine besondere Brisanz hat das Verständnis von Konstruktion in letzter Zeit vor allem durch die Entwicklungen in Bio-, Gen- und IuK-Technologien gewonnen. Vor diesem Hintergrund müssen die Bedeutung und der Stellenwert sozialer bzw. kultureller Konstruktionen heute äußerst kritisch geprüft werden. Hier sehen wir nicht nur einen neuen Schnittpunkt interdisziplinärer Theoriediskussion, sondern auch die Notwendigkeit, konstruktivistische Perspektiven in der Frauen- und Geschlechterforschung politisch zu fassen.
Mit dem Titel ?under construction?? verfolgen wir erstens das Ziel einer wissenschaftlich-selbstreflexiven Klärung des Gegenstands konstruktivistischer Perspektiven. Zweitens möchten wir wissenschaftliche (Kritik-)Interessen an Konstruktionsprozessen in den Blick nehmen. Für den interdisziplinären Workshop wollen wir daher drei Zugangsweisen vorschlagen.
I. Feministische Konstruktionsdebatten revisited
In einem ersten Schritt nehmen wir den aktuellen Diskussionsstand auf und versuchen retrospektiv eine Charakterisierung der Konstruktivismusdebatten in der Frauen- und Geschlechterforschung. Unter den äußerst unterschiedlichen methodischen und theoretischen Konstruktivismen haben v.a. das Feld geprägt:
- ethnomethodologische Zugangsweisen in der sozialwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung sowie den Kulturwissenschaften,
- dekonstruktive Perspektiven in den Sozial- und Sprach- und Literaturwissenschaften,
- diskurstheoretische Zugänge vornehmlich im Anschluss an Michel Foucault in ganz unterschiedlichen Bereichen sowie
- repräsentationstheoretische bzw. -kritische Perspektiven bezogen auf Sprache, Kultur, Medien, Ästhetik.
Die Rückschau soll die Diskussion hinsichtlich folgender Fragerichtungen befördern: Welches Veränderungspotential bergen Konstruktivismen in der Frauen- und Geschlechterforschung? Welche zentralen Argumentationslinien eröffnen weiterführende Perspektiven? Welchen Stellenwert haben konstruktivistische Forschungsprogramme heute, und welchen Einfluss hat dies auf die aktuelle Ausrichtung der Genderforschung?
II. Dimensionen von Konstruktion in der aktuellen Forschungspraxis
Mit der Ausdifferenzierung und Diffusion konstruktivistischer Perspektiven muss der Anspruch, universalisierbare Begrifflichkeiten auf der Metaebene festzulegen, um sie für alle heterogenen Forschungskontexte anwendbar zu machen, verabschiedet werden. Vor diesem Hintergrund möchten wir im zweiten Schritt feministisch-konstruktivistische Forschungspraxen bezogen auf vier zentrale Dimensionen, beleuchten, und zwar die
- erkenntnistheoretische,
- materielle,
- symbolische und
- handlungsstrategische Dimension.
Sie reflektieren aus unserer Sicht zentrale Aspekte von Konstruktionsbegriffen, die den Blick auf einzelne konstruktivistische Forschungsprojekte strukturieren sollen. Von ihnen ausgehend können Unterschiede deutlich, aber auch eine interdisziplinäre und gegenstandsübergreifende Verständigung über Anschlussstellen entwickelt werden. Wir wünschen uns Beiträge konstruktivistischer Forschungspraxis aus sehr unterschiedlichen Gegenstandsfeldern wie z. B. den Herstellungsweisen von Natur und Technik, den Konstruktionen von Fremdem und Eigenem, veränderten Selbstverhältnissen in Arbeit und Leben, kulturellen Produktionen, Medien und Ästhetik, sexualpolitischen Themen, Geschlecht und Ökonomie, Konstruktionen des Privaten und Politischen bzw. Persönlichen u. a. m.
III. Zum Verhältnis von konstruktivistischer Forschung, Praxis und Politik
In einem dritten Schritt wollen wir das Verhältnis und die Grenzen zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik ins Zentrum stellen. Dabei sollen die Potentiale für politisches Handeln wie ästhetische Praxis genauer ausgelotet werden, die über die Bewusstmachung von Konstruiertheit hinausgehen und z. B. durch provokante (De-) Konstruktionen verändernd wirken können. Hier gilt unser besonderes Interesse sowohl der Frage nach den Ebenen, auf denen solche Interventionen ansetzen, als auch den erzielbaren Effekten. Wir wünschen uns für diesen Block Beiträge, die dem politischen Gehalt feministisch-konstruktivistischer Zugänge nachspüren. Dabei geht es um ?Forschungspolitik? einerseits und um praktische politische Optionen für Alltagsrealität gesellschaftlicher Lebensweisen, sozialer Auseinandersetzungs-formen und künstlerischen Interventionen andererseits. Wir denken an Konzepte, die mit dieser politischen Dimension, die Konstruktionen stets aufweisen, arbeiten. Wie läßt sich dieses Anliegen in aktuellen Ansätzen, von bündnispolitischen Netzwerkstrategien über Pra-xen des Performativen und Narrativen bis hin zu visuellen (De-) Konstruktionen verfolgen?
Wir bitten Abstracts für Vorträge, Kommentare oder Statements inkl. einer kurzen biobibliographischen Angabe (max. 1-2 Seiten) bis zum bis 15.Juli 2002 einzureichen bei: IAG Frau-en- und Geschlechterforschung, Universität Kassel, Mönchebergstr. 21a , 34 109 Kassel, Tel. (Sekr.) 0561-804-2714, Fax 0561-804-7714, E-Mail: under-construction@uni-kassel.de
Informationen zum weiteren Verfahren versenden wir bei Eingang des Exposés. |
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