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LTTR
"The new issue is OUT, lay your hands on this hot issue, fondle 80 pages of queer content and poke your nose into the crack of your new favourite book", fordert LTTR in der
E-Mail-Einladung zu einer Release Party ihrer Zeitschrift auf. Die 2002 von den Künstlerinnen Ginger Brooks Takahashi, Emily Roysdon und K8 Hardy gegründete und sich als "feminist gender queer2 bezeichnende Gruppe, der seit 2005 auch Ulrike Müller angehört (wie vorübergehend auch Lanka Tattersall), verweist sprachlich bereits auf vielfältige Bedeutungen
innerhalb eines expliziten Bezugsrahmens: "we are invested in politics and language, action in lieue of protest, and the ability of sexuality to unsettle the subject" (Roysdon). "LTTR" kann als Kurzform für "Letter" gelesen werden, oder auch für "Litter", und wird von LTTR bereits im Editorial der ersten Zeitschriftennummer in einem Spektrum von Bedeutungen durchgespielt, wobei es unter anderem als Akronym für "Lesbians To The Rescue", "Lacan Teaches To Repeat" oder "Limits Through To Reasons" steht. Exemplarisch bleibt der Name fragmentarisch, mit fließender Bedeutung und fordert zahlreiche und vieldeutige Definitionen. In der Unwilligkeit sich identitär fassen zu lassen findet LTTR den Handlungsspielraum für ihr lustvolles feministisches Politikmodell. Dabei verweigert es sich jeder eindeutigen Kategorisierung, ist Kunstprojekt ebenso wie Diskursort, integriert Poesie, Literatur, Kunst, Ästhetik und Politik. Die bisher fünf Ausgaben der Zeitschrift versammeln unter anderem Texte, Fotografien, Zeichnungen und Malerei, handgefertigte Multiples, und eine CD mit Musik und Audiostücken. Auch die Autorschaft in den Editorials bleibt mit einzelnen namentlich gekennzeichneten Beiträgen vielstimmig und verweist so auf das komplexe Zusammenspiel von einzelnen und Gruppe, in dem es gemeinsame Anliegen ebenso gibt wie das Begehren, sich immer wieder neu zu formieren. Die Zeitschrift bietet auch den Herausgeberinnen als Künstlerinnen die Möglichkeit, eigene Arbeiten neben die anderer kritischer Produzentinnen zu stellen und in ihrem kollektiven Modell unterschiedliche Stimmen zu vereinen. Sie scheuen sich dabei nicht vor Widersprüchen und gruppieren leise Töne mit lauten, Proklamationen und Forderungen mit
Zweifeln und Ambivalenzen, komplexes Nachdenken mit Wut.
LTTR hinterfragt in den Beiträgen dichotomisch gedachte Geschlechterordnungen, Identitäten, Genres und Diskurse ebenso wie jene von Objekt und Prozess. Jede Ausgabe
der Zeitschrift ist Anlass und Ergebnis von Kommunikation und kollektiven Entscheidungen; über die einzelnen Beiträge hinaus ist die Struktur des Enstehungsprozesses Teil
des Inhaltes. In den jährlich und jeweils in unterschiedlichem Format in einer Auflage von 1000 Stück produzierten Ausgaben versammeln sich Beiträge von Freunden und Gleichgesinnten, die via "open calls for contributions" auf der LTTR Website und per Email in editorischem Diskussionsprozess ausgewählt werden. Die einzelnen Ausgaben kristallisieren sich um vage-poetische Titel wie "Let’s Take The Role", "Listen, Translate, Translate,Record" oder "Positively Nasty". Sie sind ebenso ein Forum für feministische und genderqueer politics wie ein Bekenntnis zu kollektivem Arbeiten und öffentlicher Auseinandersetzung.
Live-Events - häufig aus Anlass von Zeitschriftenpräsentationen - gehören in diesem
Sinne ebenfalls zum Repertoire: LTTR hat Diskussionsveranstaltungen, Film-und Videoscreenings,
Workshops, Performanceserien und Parties organisiert und Austellungen kuratiert, "where we create energy and enthusiasm and experience a group of people getting
together and living it up" (Müller). Die Veranstaltungen, durch Fotos auf der LTTR Website dokumentiert, und die Zeitschrift, deren Inhalte ebenfalls auf der Website veröffentlicht sind, archivieren zeitgenössischen "gay spirit" und verorten sich, in oft direkter Bezugnahme
auf historische feministische Praxis und queere Kritik, in einem selbstinszenierten grösseren Kontext. Denn: "We have to do the work. What else is going to represent us?" (Hardy)
LTTR denkt durch seine Inhalte und die propagierten Strukturen laut über gesellschaftliche Veränderungen und Handlungsmöglichkeiten nach. Es fragt nach einer zeitgenössischen feministischen Ethik, und fordert Mut zum Experiment (und zum Versagen). Wesentlich ist dabei das Moment geteilter privater Hoffnungen, Sehnsüchte, Begehren
und Ängste. In unterschiedlichen Kontexten hat LTTR in Form von "radical read-ins" Lesestationen für ihr Magazin und andere feministische Publikationen organisiert. Im New Yorker
Kunstbuchladen Printed Matter konnten die BesucherInnen des Read-Ins unter dem Slogan "Lesbians Tend To Read" ein Lesezeichen in Bücher einlegen und damit auf Seiten
verweisen, die persönliche Bedeutung tragen. Das "solitary pleasure" des Lesens konnte kollektiv mitgeteilt werden, private Leseerfahrung wurde veröffentlicht. Lust und Vergnügen sind eng mit der Möglichkeit verknüpft, Erfahrungen zu teilen, und dies ist immer Teil der Arbeit von LTTR. "For six years now", so Brooks Takahashi in dem letzten Editorial,
"LTTR has been rubbing bodies and minds to generate art and ideas".Barbara Schröder
LTTR artists
Ginger Brooks Takahashi maintains a social, project-based practice. She is cofounder of LTTR, a queer and feminist art journal, and projet MOBILIVRE BOOKMOBILE project, a traveling exhibit of artist books and zines. Recently, her work has shown at Los Angeles Contemporary Exhibitions, at the Generali Foundation, Vienna, and at the Institute of Contemporary Art, Philadelphia.
K8 Hardy is an artist, and a co-founder and editor of the queer feminist journal LTTR. Her performances and collaborations are informed by her preoccupations with feminist aesthetics, the body, representation, and expression. Recently Hardy’s work has shown at the Tate Modern, at the Moscow Biennial, at Los Angeles Contemporary Exhibitions, and at the Generali Foundation, Vienna.
Emily Roysdon (1977) is a New York-based interdisciplinary artist and writer. She is currently a resident at the International Artists Studio Program in Sweden (IASPIS).
Ulrike Müller is an artist and a co-editor of the queer feminist journal LTTR. For the past ten years, she has created a feminist, theoretical, and frankly activist body of work that situates art making as means to (en)action. Most recently her work has been included in exhibitions at the New Museum in New York and at the Carpenter Center, Boston.
Bestelladresse: sigrid.adorf@zhdk.ch |
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