Frauen Kunst Wissenschaft - Halbjahreszeitschrift
 
Heft 20
KörperBilder
Kontexte aus Kunst und Wissenschaft
 

Redaktion

Iris Dressler

Beiträge

Marie-Luise Angerer: The Body on the Edge. Körper - Geschlechter - Technologien

Liselotte Hermes da Fonseca: Der Museumsmensch. Zur Vorstellung des Körpers in wissenschaftlichen Museen gen Italien

Rahel Puffert: "Entschuldigen Sie, wenn ich mich so gehen lasse..." Zu einem Textkorpus von Barbara Bloom

Henrike Reinckens: Niki de Saint Phalles "Nanas" im öffentlichen Raum. Strategien der Aneignung eines widerspenstigen Kunstobjekts

Eva S. Sturm: Rauheit der Stimmen

Diskussion/Projekte

Gerlinde Volland: Aby Warburg und das "Schlangenritual": Ein Nachtrag zur Rezeption durch feministische Kunsthistorikerinnen

Iris Dressler: Phantasmen des "ganzen" und "zerstückelten" Körpers. Ein "concept in process"

Rezensionen

Birgit Haehnel/ Anne Kierspel: Kampf der Geschlechter? Zur Ausstellung "Der Kampf der Geschlechter. Der neue Mythos in der Kunst 1850-1930" im Lenbachhaus München vom 8. März - 7. Mai 1995

Anne Ganteführer: Leiblicher Logos. 14 Künstlerinnen aus Deutschland. Eine Ausstellung des Instituts für Auslandsbeziehungen, ifa, Stuttgart. Altes Museum, Berlin, 1. Juni - 30. Juli 1995

Ellen Spickernagel: Arts and Crafts. Von Morris bis Mackintosh - Reformbewegung zwischen Kunstgewerbe und Sozialutopie. Institut Mathildenhöhe, Darmstadt 11.12.1994 bis 17.4. 1995

Dagmar Klein: Gerta Taro - Fotoreporterin im Spanischen Bürgerkrieg. Biographie von Irme Schaber - Wanderausstellung, Marburg, Ethnologisches Institut, Dezember 1994 - Januar 1995. Frauenkulturhaus, Frankfurt, 3. November 1995 bis 26. Januar 1996

Edition Nr. 8: "Touché" 1-4, Multiple (1995) von Sylvie Ungauer (Einführung: Iris Dressler)

Blechdose ø 8 cm, Foto ø 7cm, signiert, nummeriert
Auflage 10 x 4 Stück, je 80.- DM zzgl. Versandkosten.

Zum Inhalt:

KörperBilder und ihre Kontextuiertheit in künstlerischen und wissenschaftlichen Diskursen eröffnen ein weites Themenfeld. Die entscheidende Verbindung zwischen Kunst und Wissenschaft stellt sich dort ein, wo es um das Problem der adäquaten Repräsentation des Körpers in Relation zu einem bestimmt gerichteten Blick geht. Der Körper erhält dabei verschiedene Funktionen: er soll im/als Bild beweisen, was bewiesen, was für-wahr-genommen werden sollte. Und: Beiden Disziplinen - Kunst und Wissenschaft - geht es bei der Konstruktion von Körperbildern um die Re-konstruktion von und Meisterschaft über die "Natur". Der Konstrukt des "ganzen" wie des "zerstückelten" Körpers ist sowohl Bedingung als auch Effekt dieses Unternehmens.
Die aktuelle Diskussion innerhalb feministischer Theoriebildung aufgreifend setzen sich die Beiträge mit den Bedingungen, Relationen und Effekten der Konstruktion von Körpern, Körperbildern sowie der damit verbundenen Konstitution von Subjekt- und Geschlechtskategorien auseinander.
Marie-Luise Angerer untersucht feministische Dekonstruktionsverfahren in Hinblick auf deren Verhältnis zu den neuen Kommunikations- und Biotechnologien. Diese Technologien werden insofern als Chance für die Entwicklung neuer Begrifflichkeiten von Körper, Geschlecht und Identität rezipiert, als sie den Körper als Garanten für Identität und Geschlecht und damit das patriarchale System selbst destabilisieren. Ausgehend von den im angelsächsischen Sprachraum entwickelten Begriffen der Ver-Ortung/Ver-Räumlichung des Körpers (locatedness) sowie der Situiertheit des Wissens (situated knowledge) wird der Körper als etwas gedacht, das keinen einheitlichen Ort bezeichnet. Er wird als Effekt und Resultat von Repräsentation aufgefasst: damit wird der Körper als ein Ort der Passage, des Durchgangs von Bildern begriffen. Situiertes Wissen wiederum meint ein Wissen, das um seine Kontextgebundenheit, seine Teilperspektive weiss und diese mitdenkt. So verstandenes Wissen, das zudem vom Körper als Objekt von Wissen ausgeht, realisiert sich im Prozess der "Verkörperlichung des Ortes, von wo aus wir sprechen" (Probyn).
Lieselotte Hermes da Fonseca untersucht Körperbilder und -vorstellungen in der 1775 angelegten anatomischen Sammlung im Naturgeschichtlichen Museum von Florenz "La Specola". Anhand der dort ausgestellten Wachspräparate und der Rezeptionsweisen auf diese Exponate zeigt sie Verwechslungsmomente zwischen Sehen und Wissen, Abbild und Selbst, Faszination und Grausen, Leben und Tod auf. Die Wachsfigur wird in Analogie zur Fotografie als Grenzfigur, als Figur an den Grenzen des Ähnlichen befragt.
Um eine künstlerische Strategie der Dekonstruktion von Körper und Identität geht es in Rahel Pufferts Text zu einer Arbeit von Barbara Bloom. Anders als etwa Cindy Sherman oder ORLAN, kreist die amerikanische Künstlerin dabei nicht um Probleme der Abbildbarkeit des (weiblichen) Körpers, sondern um das Auftauchen und Verschwinden des Körpers im Text, genauer zwischen den Zeilen des Textes.
Henrike Reinckens beschreibt anhand der Rezeptionsgeschichte der in Hannover aufgestellten Nana-Gruppe von Niki de Saint Phalle die Bemühungen eines öffentlichen Diskurses, die subversiven Momente dieser Skulpturen zu glätten. Dies, so Reinckens These, zum einen durch die Sexualisierung der Figuren, zum anderen indem sie als "ganze" Körper rehabilitiert und reproduziert werden.
Um den Körperinnenraum, genauer den Mundraum - "der Höhle, aus der die Stimme kommt" (Barthes) - geht es in Eva Sturms Auseinandersetzung mit Barthes' Begriff der "Rauheit der Stimmen". Ausgangspunkt sind Barthes' Zuordnungen und Unterscheidung von Sprache und Zunge; zivilisiertem Sprechen und Zähnen. Letzteres meint die kontrollierte, ersteres die unkontrollierte Rede, ein Reden, in dem ein unausgesprochener Rest der Rede aufscheint. Anhand unterschiedlicher Texte, deren Gegenstand zeitgenössische Kunst ist, spürt Sturm Momente auf, in denen sich Unausgesprochenes, Körperliches, Begehren, Unsicherheit - Rauheit artikuliert.

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Dezember 1995
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Karin Görner
Edition
Edition Nr.: 08