Frauen Kunst Wissenschaft - Halbjahreszeitschrift
 
Heft 21
Schwulen- und Lesbenforschung in den Kunst- und Kulturwissenschaft
 

Redaktion

Anja Baumhoff, Linda Hentschel, Angela Rosenthal, Christina Threuter

Beiträge

Whitney Davis, Schwulen- und Lesbenstudien in der Kunstgeschichte

Laura Cottingham, Einige Überlegungen zur Herangehensweise, um "die Lesbe" in der Kunst- und Kulturgeschichte zu lokalisieren

Silke Tammen, Das Bild der Sodomie in der Bible Moralisée: Sexuelle und ideologische Perversion

Holger Möhlmann, Balli di Sfessania di Jacques Callot: Eine Radierfolge zwischen Commedia dell' Arte und homosexueller Bildmotivik

Paul B. Franklin, Marcel Duchamp's Fontaine und die Kunst schwuler Kunstgeschichte

Sandra Scheck, Lesbians and the Arts: A Bibliography and Research Guide

Tagungsberichte

Daniela Mondini, Irene Müller: 6. Kunsthstorikerinnentagung/ Erste Sektion "Ethnozentrismus und Geschlechterdifferenz", Trier.

Natalie Adamson: A Conference with Helène Cixous (Northwestern University)

Rezensionen

Renate Berger: Sabine Plakolm-Forsthuber, Künstlerinnen in Österreich, 1897-1938, Wien 1995

Anja Cherdron: Visions of the "Neue Frau", Leicester 1995

Irene Müller: "Fotografinnen der Weimarer Republik - Fotografieren hieß teilnehmen" (Fotomuseum Winterthur)

Marlene Müller: "Black Male: Representations of Masculinity in Contemporary Art" (Whitney Museum of American Art)

Edition Nr. 9 : "Naked Lesbian Dance Couple" (1996) von Muda Matthis (Einführung: Christina Threuter)

Zum Inhalt:

Subjekt, Begehren, Identifikation, Grenzen, Machtphantasmen und Mangelpositionen sind zu häufig verwendeten Begrifflichkeiten geworden, wenn es um eine kunst- und kulturwissenschaftliche Reflexion gesellschaftlicher Strukturen sowie ihrer Ordnungssysteme geht. Eine zentrale Frage ist hierbei, wann, auf welche Weise und mit welchen Konsequenzen das Eine gegen das Andere streitet, um dadurch einen nur scheinbar sicheren Ort für individuelle/kollektive Identitäten zu schaffen. Dieses Denken wird mitverantwortlich gemacht für die Entstehung der Geschlechter, welches im Ausschlußverfahren das eine nur über das andere beschreiben kann. Somit scheint die Koalition von Männlich-Weiblich trotz oder wegen all ihrer naturalisierten Unterschiedlichkeiten eine sicherheitsversprechende und daher protegierte Konstellation zu sein. Was aber mit diesem System passiert, wenn ein Blickwechsel stattfindet und sich das Betrachtersubjekt in der Rede über Kunst offenlegt, ist unter anderem Thema des vorliegenden Heftes zu den Schwulen- und Lesben-Studien in den Kunst- und Kulturwissenschaften.
Whitney Davis gibt uns eine Einführung in die Schwulen- und Lesben-Studien. Dabei geht es um die Frage, ob es eventuell methodische oder theoretische Implikationen gibt, die allgemein neu und von Bedeutung sein könnten. Davis zeigt auf, welche Rolle die Kunstgeschichte bei der Deutung und Bewertung von Homosexualität im 18. und 19.Jahrhundert spielte und welchen Einfluß die Interessen von homosexuellen Kunstwissenschaftlern auf die Herausbildung der Kunstgeschichte selber hatten.
Laura Cottinghams persönliches Statement gilt ihrer Forderung nach dem Offenlegen des, wie sie es nennt, Lesbischen in Kunst und Kultur. So berichtet sie über ihre Schwierigkeit beim Aufspüren lesbischer Künstlerinnen. Dabei entdeckt sie, wie lesbisches Leben verschwiegen, versteckt oder vernichtet wird.
Cottingham macht hier eine Debatte zum Thema, die in ähnlicher Weise von der Frauenbewegung auf der Suche nach einer weiblichen Essentialität in den siebziger Jahren geführt wurde. Zu bedenken ist hier, daß die Suche nach einer kollektiven Identität - das "Weibliche" genauso wie das "Lesbische" - lediglich wieder zur Konstruktion und Ausgrenzung des "Anderen" führt.
Silke Tammen untersucht in ihrem Beitrag das Bild der Sodomie in der Bible Moralisée. Die Autorin bezieht sich dabei auf Bilderbibeln aus dem 13.Jahrhundert, deren Miniaturen das Verbotene ebenso schildern, wie die Ideologien der Zeit und das weltlich-kirchliche Machtgefüge. Es ist ein Versuch, vom Rand der Gesellschaft her, das Zentrum zu deuten und die zunehmende Bekämpfung des sog. "Anderen" am Anfang des 13. Jahrhunderts aufzudecken und zu verstehen. Deutlich wird hier, wie sich eine Gesellschaft ihr Idealbild über das definiert, was sie ablehnt und ausgrenzt.
Holger Möhlmann beschäftigt sich mit homosexueller Bildmotivik in den "Balli di Sfessania" von Jacques Callot. Obwohl die um 1622 entstandene Radierfolge ein bis heute viel rezipierter Gegenstand der kunstwissenschaftlichen Forschung ist, wurde den deutlich gezeigten, auf Homosexualität verweisenden Gesten der dargestellten Akteure bisher noch keine nennenswerte Beachtung geschenkt. Hier stellt sich die Frage, ob die auf Visualität angewiesene kunstgeschichtliche Forschung nicht doch oftmals auf mindestens einem Auge blind zu sein scheint.
Paul Franklin untersucht am Beispiel von Marcel Duchamp, dem "Daddy des DaDa", das Readymade Fontaine. Er analysiert und durchdringt in seinem Beitrag die Bedeutung von Homosexualität für diese Arbeit Duchamps im Kontext der damaligen Zeit. Franklin bezeichnet sein gelungenes Unterfangen als den Versuch "eine Biographie seines (Duchamps) Kunstobjektes als Objekt meines eigenen intellektuellen Trachtens zu erstellen". Neben der vielschichtigen Erörterung des sozialgeschichtlichen Kontextes, der wesentlich zur Entstehung des Readymades beitrug, ist vor allem Franklins Hinweis, daß an der Schaffung eines Kunstwerkes neben dem Künstler, immer auch der Betrachter und der Rezipient beteiligt sind, von wesentlicher Bedeutung.
Die sehr unterschiedlichen Beiträge dieses Heftes zeigen, daß die Schwulen- und Lesben-Studien in der Kunstwissenschaft keine einheitliche Methodik vorgeben, vielmehr ermöglichen sie uns einen Blick- bzw. Perspektivenwechsel vorzunehmen, der zum umfassenderen Verständnis von künstlerischer Arbeit beiträgt.

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Juli 1996
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Edition
Edition Nr.: 09