Frauen Kunst Wissenschaft - Halbjahreszeitschrift
 
Heft 26
Genus-Reisen
Streifzüge durch Terra incognita
 

Redaktion

Annegret Rittmann, Birgit Thiemann


Beiträge

Sylvia Pritsch: Wirkliche Geschichten und textualisierte Erfahrung - zur Diskussion um die ethnographische Repräsentation

Michael Scholz-Hänsel: (Kultureller) Kannibalismus zwischen Wissenschaft und Medienereignis - Reisebilder aus Amerika

Carola Muysers: "Auch ich in Arcadien"? Italiensehnsucht und Italienreisen bildender Künstlerinnen am Beispiel Angelika Kauffmann, Luise Seidler und Clara von Rappard

Ada Raev: "Endlich, Paris!" - Russische Künstlerinnen der Moderne und der Avantgarde in Paris

Ulrike Wolff-Thomsen: "Hinaus in die Welt" - Der Aufbruch von deutschen und finnischen Künstlerinnen nach Paris vor der Jahrhundertwende

Andrea Lange: Das Kodak Girl - eine Ikone der Werbung in Urlaubsstimmung

Tagungsbericht

Sigrid Adorf: Experimentelle Grenzüberschreitungen: Relationen und Reflexionen in den Bildkünsten und der Literatur seit den 1960er Jahren, Kiel 1.-3.4.1998

Rezensionen

Marion Beckers: Ausstellung Ellen Auerbach - Berlin / Tel Aviv / London / New York, Akademie der Künste, Berlin, 17.5.-7.7.98

Corinna Tomberger: Ausstellung Echolot oder des Kurators "aufregende Reise an die Peripherie der Kunst", Museum Fridericianum, Kassel, 22.3.-21.6.1998

Uli Klein: Ausstellung Pipilotti Rist: Remake of the Weekend...auf österreichisch, Kunsthalle im Museumsquartier Wien, 26.6.-30.8.1998)

Marina Sauer: Ausstellungskatalog Rendezvous Paris. Schleswig-holsteinische und finnische Künstlerinnen um 1900. Hrsg. v. Museumsberg Flensburg u.a. Heide 1997[BT1]

Infoteil ( )

Edition Nr. 14: Birgit Maria Wolf, Sandkästen, Istanbul 1997; Sand, Binder, Holz und diverse Objekte, 22 x 22 x 2,5 cm

(Einführung: Ines Lindner)

Zum Inhalt:

Das vorliegende Heft beinhaltet erstmals eine Sammlung vornehmlich kunsthistorischer und kunstwissenschaftlicher Beiträge zur Frauenreiseforschung. Am Anfang steht ein Aufsatz zur Methodendiskussion, wie sie in Nachbardisziplinen der Kunstgeschichte schon länger geführt wird. Die Autorin Sylvia Pritsch spricht als Ethonologin/Ethnographin in ihrer Darstellung grundlegende methodische Probleme im Umgang mit dem Fremden und der Wahrnehmung des Anderen an: Hinweise auf Herrschaftsstrukturen und -diskurse, auf Subjekt-Objekt-Beziehung, kognitive und unbewußt emotionale Prozesse, Fragen nach Möglichkeit/Unmöglichkeit objektiver Erkenntnisse.
Für die Kunstgeschichte, so zeigen die überwiegend biographisch ausgerichteten Beiträge des Heftes, ergeben sich spezielle Fragestellungen, die eng mit dem Metier der bildenden Künste, seinen spezifischen Bedingungen, Institutionalisierungen und Traditionen verknüpft sind. Allein schon das handwerkliche Instrumentarium - die künstlerischen Mittel - liefern besondere Voraussetzungen: Mit einer Staffelei, Leinwand oder Fotoausrüstung reiste es sich weit beschwerlicher und aufwendiger als mit einem Tagebuch. Angesichts der technischen Schwierigkeiten der Fotografie bis ins frühe 20. Jahrhundert, dem enormen Materialaufwand und der komplizierten Aufnahmeverfahren (s. Andrea Lange), verwundert der zögerliche Einsatz des Fotoapparats auf Reisen nicht. Als ein seltenes Beispiel der frühen Reisefotografie seien Ida Pfeifers Portraits von Isländerinnen erwähnt. Erst die Verbesserung der Technik machte die Fotografie zu einem Metier, das für die visuelle und künstlerische Aufzeichnung ungeahnte Bedeutung erlangte und Frauen neue Berufsfelder im Fotojournalismus oder der Kriegsberichterstattung eröffnete.
Neben rein technischen Problemen, die visuelle Aufzeichnungen an fremdem, oft schwer zugänglichen Orten mit sich bringen, stellen sich aber vor allem fachspezifische Bindungen der bildenden Künste insbesondere an Bildungsinstitutionen und -traditionen als Schranken in der Begegnung mit dem Fremden heraus. Was die Malerei und Grafik betrifft, so waren sie traditionell stark ans Atelier und Institutionen (Akademien, Auftraggeber) gebunden, die schon räumlich eine gewisse Abschirmung gegenüber der realen Außenwelt und ihren unmittelbaren Eindrücken bedeuteten. Auch folgte die inhaltliche Ausrichtung stark akademischen Bildtraditionen. Zudem bestätigen die in diesem Heft vorgestellten Einzeluntersuchen, daß Reisen von KünstlerInnen meist weniger mit dem Entdecken von Neuland zu tun hatten als vielmehr mit der Erfüllung vorgegebener Pflichtprogramme, die zum Bildungskanon gehörten, etwa eine bestimmte Italienroute (s. Muysers).
Auch wenn Künstlerinnen zugunsten ihrer Professionalisierung Ortswechsel in die großen Kunstzentren vornahmen, bewegten sie sich oft in vorgegebenen Bahnen. Dies betrifft letztlich auch noch die große Zahl künstlerisch ambitionierter Frauen, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nach Paris reisten und die für sie zugänglichen freien Akademien besuchten (s. Raev, Wolff-Thomsen, Sauer). Indem sie die erkämpften, endlich zugestandenen Ausbildungsmöglichkeiten nutzten, folgten sie zugleich auch den Regeln des Metiers, sie unterstellten sich männlichen Lehrern und respektierten Normen der modernen europäischen Kunstentwicklung. Gleichwohl bedeutete der Entschluß zu einem Kunststudium in der Metropole für Frauen auch das Ausbrechen aus engen geschlechtsspezifischen Rollenmustern, das Erproben neuer Lebenskonzepte und Anregung für eine eigene Kunst.
Es bestätigt sich die in der Frauenreiseforschung viel diskutierte These, weibliche Reiseerfahrungen hätten nur bedingt emanzipatorischen Charakter. Vielmehr bewege sich das Reisen von Frauen, das Verlassen von Heim und Herd als Inbegriff traditioneller Lebenskonzepte, gleichsam zwischen zwei Polen: Aufbruch und Emanzipation einerseits, Festhalten an Gewohntem bzw. Anpassung an Vorgegebenem andererseits. Abgesehen vom Phänomen des unfreiwilligen Reisens - etwa Exil oder Migration - birgt auch die freiwillige "Aufbruchs"-Reise Schranken und Hemmnisse in den Entfaltungsmöglichkeiten, zu denen - neben dem Einhalten neuer vorgegebener Regeln - nicht zuletzt Wahrnehmungsmuster der Reisenden selbst zählen.
Daß die Begegnung mit dem Fremden nicht nur den Blick öffnet und erweitert, sondern auch stereotype Bilder mit geschlechtsspezifischen Zuordnungen hervorbringt, zeigt der Beitrag von Michael Scholz-Hänsel. Die Konfrontation mit der Neuen Welt, die Begegnung mit anderen Völkerstämmen und Kulturen erschütterte alte Sicherheiten. Ängste wurden auf das Fremde projiziert und in Schreckensbildern von gefahrvoller Weiblichkeit, wie den Kanibalinnen, abgespalten. Diese Abspaltung des Fremden und Bedrohlichen in weiblich konnotierten Bildern hat bis heute seine Faszination behalten. Wie der Autor anhand aktueller Pressedarstellungen belegt, werden die weiblich konnotierten Kanibalismus-Szenen des 16. Jahrhunderts aufgrund ihrer hohen Publizität weiterhin unkritisch als Illustrationen veröffentlicht, so daß sich das Stereotyp trotz früh aufgekommener Gegenstimmen hartnäckig hält.
Eine Analyse des Kodak Girls als Werbträgerin für Fotografie, Reisefotografie und somit auch für die Tätigkeit des Reisens an sich nimmt Andrea Lange in ihrem Beitrag vor und legt dar, welch widersprüchliche Weiblichkeitsideale diese moderne "Ikone" bezüglich des Frauenreisens zu bedienen vermag.
Globalisierung und intensivierte interkulturelle Austauschmöglichkeiten zeigen sich in der Kunst und auf dem Kunstmarkt inzwischen in verschiedenen Facetten. Manche hier erwähne Reiseziele haben bis heute für KünstlerInnen eine Faszination behalten, wie sich etwa an begehrten Italien-Stipendien ablesen läßt. Auch der Orient, Istanbul, wo die Künstlerin der Edition, Birgit Maria Wolff, mit dem Istanbul-Stipendium sechs Monate verweilte, bewahrt eine starke Anziehungskraft.
Geographisch weiten sich die Kreise. So fanden die Ausstellungen Die Hälfte des Himmels. 25 Chinesische Künstlerinnen im FrauenMuseum Bonn und Echolot oder 9 Fragen an die Peripherie im Kassler Fredericianum große Beachtung. Daß aber auch im Zeitalter zunehmender Globalisierung und Vernetzung Probleme interkulturellen Austauschs, wie etwa das Eingeständnis ethnozentristischer Sichtweisen, bewältigt werden müssen, darauf macht Corinna Tombergers kritische Besprechung von Echolot aufmerksam. Das Motto der Biennale in Sao Paulo "Nur die Anthropophagie vereint uns" wiederum zeigt, daß die ehemaligen Fremdwahrnehmungen im Nachhinein durchaus auch zur geschlechterübergreifenden nationalen Identitätsfindung umfunktioniert werden können.

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November 1998
Heft 26 - Klick = großes Bild
Redaktion
Annegret Rittmann
Birgit Thiemann
Edition
Edition Nr.: 14