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Redaktion
Angela Rosenthal, Christina Threuter
Beiträge
Ursula Frohne: Border Crossings: Anmerkungen zu Machtstrukturen im Cyberspace
Ruth Noack: Selbstbekenntnisse. Über Lynn Hershmans mediale Subjektkonstitutionen
Brooke A. Knight: Watch me! Webcams und die öffentliche Enthüllung des Privatlebens
Birgit Käufer: Es war einmal die Fotografie, die Puppe und die Verwirrung der Geschlechter - Cindy Shermans "Fitcher's Bird"
Adrian W. B. Randolph: Hide and Seek: Aziz + Cucher's Poetics of Skin
Thyrza Nichols Goodeve: "DIE FORMEN, MIT DENEN WIR LEBEN: Ein Gespräch mit Aziz + Cucher"
Künstlerinnenseite: Marie-Antoinette Chiarenza: cul sur tete (ass on head)
Tagungsrezensionen
Daniela Mondini: Zur Repräsentation von Männlichkeit in der Kunst und in den visuellen Medien. Von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Internationales Kolloquium 27. bis 29. April 2000, Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main.
Sigrid Adorf, Dörte Weber: Streit-Fragen an, von und mit der Sektion The Body and Representation. Feminist Research and Theoretical Perspectives der International Women´s University (ifu) in Bremen (30.07. - 11.08.00)
Ausstellungsrezensionen
Helga Lutz: "Cross female.Metaphern des Weiblichen in der Kunst der 90er Jahre" Berlin, Künstlerhaus Bethanien, 30. Sept. - 29.Okt. 2000
Buchrezension
Anja Zimmermann: Andrea Jahn: Louise Bourgeois. Subversionen des Körpers. Reimer Verlag, Berlin 1999 (ISBN 3-496-01185-8; 98.-)
Infoteil (Christiane Keim)
Edition Nr. 18: Aziz + Cucher: "Interior Study #5", 2000, C-print (mounted on aluminum), 10 X 10 inches
(Einführung: ) |
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Das Cover dieser Ausgabe von Frauen Kunst Wissenschaft ist im wörtlichen Sinne als Hülle für die im Band versammelten Beiträge gedacht. Es handelt sich um einen Ausschnitt einer Photoarbeit aus der Interior Serie, Interior Study #5, des in New York lebenden Künstlerduos Aziz + Cucher. Gezeigt wird ein architektonisch kantig-verwinkelter Innenraum, der scheinbar mit heller menschlicher Haut überzogen - und dank unserer optischen Nähe erkennbar mit deutlich sichtbaren Poren, gleichmäßiger aber schwacher Körperbehaarung und kleinen Hautunebenheiten versehen - dem Anschein nach belebt ist. Die Haut als Außenorgan wird hier zu einem Rauminneren, welches durch das Cover wiederum veräußerlicht wird. Die Haut - auch die Netzhaut - als Mittel des "Kontaktes und der Kommunikation" mit der Umwelt (Baudrillard, siehe Randolphs Beitrag in diesem Heft), ist gleichzeitig auch Medium zwischen dem Körper (Behälter) und dem "Leib" (Identität). Doch scheint sich das Bachtin'sche Körperdrama - einst nur auf den Austausch zwischen dem Körper und der Welt durch Körperöffnungen beschränkt - über die Körperoberfläche auszuweiten. Der "fertige, streng begrenzte, nach außen verschlossene, von außen gezeigte, unvermischte und individuelle ausdrucksvolle Körper," der, laut Michail Bachtin, in der europäischen Volkskultur erst im 18. Jahrhundert in dieser Form imaginiert wurde (und damit entgegengesetzte Körpervorstellungen seit dem Mittelalter ablöst), unterliegt nun im Zeitalter massiver Medialisierung einem erneuten Wandel.[1] In einem scheinbar gegenläufigen Prozess wird die Körperoberfläche und Körpergrenze zu einem (neuen) "Ort der Durchlässigkeit und der undurchschaubaren Metamorphosen"[2]. Der Um- bzw. Einstülpungs- und Verinnerlichungsprozess, wie die Arbeit von Aziz + Cucher versinnbildlicht, in dem sich sinnliche Wahrnehmung und Raumvorstellungen verschieben, scheint uns eine passende Metapher für die hier versammelten Beiträge zu liefern.
Die hier vorliegenden Artikel führen ein Thema des vorangegangenen Heftes weiter, das sich auf das Interesse an den neuen technologischen Medien konzentriert. Aber noch stärker als in Heft 29 geht es hier um die paradoxen Umkehrungen und Übergänge medialisierter Erfahrungen von unmittelbarer Nähe und Ferne - von beinahe körperlicher Verinnerlichung der Außenwelt - sowie von scheinbar entsubjektivierter Kommunikation und im Umkehrschluß um die restaurative Subjektherstellung oder auch Selbstvergewisserung. Innen- und Außenraum sind nur vermeintlich neutral und eindeutig: Die Verschiebung von innen nach außen und umgekehrt verweist auf die Frage, welche Erwartungen wir an unsere Wahrnehmung des analogen Abbildes auf den uns umgebenden und den von uns betrachteten Raum haben. Der digitale Raum (Cyberspace/virtueller Raum) und der analoge Raum sind "soziale Kategorien" (Henri Lefèbvre ) - im Sinne einer Verräumlichung sozialer Beziehungen. Raum unterliegt also der Produktion, indem Subjektivität und Repräsentation sich miteinander verbinden und einen Ort materialisieren. Die Erwartung, daß der Raum klar, durchschaubar und Handlungen freie Bahn gebend ist, ist eine Illusion. Erst diese Illusion der Transparenz - wie Lefèbvre herausgearbeitet hat - naturalisiert die Wissens- und Machtverhältnisse zwischen den Subjekten und trägt somit zu hegemonialen Systemen und der hierarchischen Ordnung des Wissens bei. Das World Wide Web mit seinem Anspruch der pluralistischen Interaktion durch globale Vernetzung und den ständig sich umorganisierenden Kommunikations-Feldern und sich neu formierenden Grenzen zeigt, daß der Raum in einem ständigen Prozeß der Herstellung und Verhandlung begriffen ist.[3]
Ursula Frohne, die zusammen mit Christian Kutti (Berlin) auf der CAA Tagung in New York (Februar 2000) eine höchst spannende Sektion zu Crossing Boundaries in Cyberspace? The 'Politics' of 'Body' and 'Language' Since the Emergence of 'New Media' leitete und für uns ihren Vortrag in Essayform umgearbeitet hat, geht es genau um diese Frage der Machtstrukturen im WWW. So verweist sie darauf, daß die Geographien und Topographien im Cyberspace "blinde Flecken der Kartographie" aufweisen. Die utopische Verheißung "ein Netzwerk, eine Welt" verschleiert den Ausschluß der nicht vernetzten Nationen aus dem so scheinbar globalen Kommunikationssystem. Dieser vermeintlich neutrale Raum des Internets, so Frohne, ist gesellschaftlich und ideologisch definiert, und im digitalen Kunstraum wie auch im Umgang mit den elektronischen Medien entstehen Hierarchien, die letztendlich als machtvolle Instrumente zu einer neuen, medialisierten Kolonisierungswelle beitragen könnten.
Von Herrschaftspraktiken handelt auch der Beitrag von Ruth Noack zu Lynn Hershmann und ihren frühen Selbstrepräsentationen in den Confessions of a Chameleon. Indem Hershmann sich selbst als Frau und als Künstlerin zum Objekt und Subjekt ihres Videotagebuches macht, führt sie den "Prozeß der Subjektivierung" durch den künstlerischen Umgang mit den elektronischen Medien vor. Wie Noack herausarbeitet, verweist Hershmann dabei auf zwei sich auf den ersten Blick konträr gegenüberstehende Aspekte, zum einen auf das "emanzipatorische Potential der Medien, die es ermöglichen, direkt auf die Konstruktion des eigenen Körpers und der eigenen Identität einzuwirken", zum anderen aber zeigt sie auf, daß gerade dieser Aspekt deutlich macht, daß es sich hier um Instrumente der Machtausübung handelt. Entscheidend ist letztlich, wer die "Kontrolle über die Apparate" besitzt: "wer übt sie aus und wem dient sie?" Die Haut in Interior wird hier wieder zu einer Umhüllung für die in dem Heft gesammelten Beiträge, die sich alle mit unterschiedlichen medialen Erfahrungen in der Konstruktion von Subjektivität - von außen und von innen, von nah und von fern, vom Selbst und vom Anderen - und mit ihren Beziehungen respektive Interaktionen und Auflösungen in den verschiedenen medial hergestellten Räumen beschäftigen. Dabei stellen Grenzverwischungen zwischen dem Körper in der Repräsentation und dem betrachtenden Subjekt zentrale Punkte der Auseinandersetzung dar. Für die Illusion einer Aufhebung von (Raum-) Grenzen durch die elektronischen Medien fundamental relevant ist, daß sie zu einer Reartikulation von Geschlechterverhältnissen und Definitionen führt. Alleine im virtuellen Raum kann der spielerische Freiraum und der unbegrenzte Zugang zur sinnlichen Erfahrung des Körpers über die Haut oder die Retina simuliert werden und trägt so zu seiner Re-Naturalisierung bei.
Die paradoxen Umkehrungen und Übergänge medialisierter Erfahrungen von unmittelbarer sinnlicher Nähe und Ferne - von beinahe körperlicher Verinnerlichung der Außenwelt - zeigt auch Brooke Knight mit einem Beitrag zu den sogenannten cam-girls. Im eigenen häuslich- alltäglichen Lebensraum bewegen sie sich, so Knight, selbstbewußt und spielerisch vor der Kamera. Die voyeuristische Faszination am 'banalen' Alltagsleben avanciert in den Blicken der BetrachterInnen zum mondänen Startum der cam-girls. Ob es tatsächlich die 'girls' selbst sind, die wirtschaftlich vom Voyeurismus der BetrachterInnen profitieren, und ob sie tatsächlich in der Lage sind, Kontrolle über die männliche oder auch weibliche Begierde zu behalten, indem sie es sind, die die Blicke lenken, bleibt diskussionswürdig. Aber um an Ruth Noacks These vom Prozess der Subjektivierung mittels der Autorität über die technischen Apparate anhand der Arbeit Lynn Hershmans anzuknüpfen, ist diese Ansicht nicht vorschnell abzutun. Auch Victor Burgins psychoanalytische Leseweise der Jennicam-Homepage im Anschluß an Lacans Spiegelstadium, mit der Burgin über die traditionelle Sichtweise von Voyeurismus und Exhibitionismus weit hinausgeht, vermag hier weitere kommunikative Effekte zwischen den sogenannten cam-girls und ihren RezipientInnen zu beleuchten.[4]
Genauso wie unsere Finger die Tastatur des Komputers kontrolliert in Bewegung setzen, um Informationen und Impulse zu erhalten und zu vermitteln, unsere Hand die 'Maus' manipuliert, indem sie den Pfeil (Cursor) wie eine Chirurgin im Inneren des (Komputer)-Körpers bewegt, um in das expandierende Universum der Informations- und Unterhaltungstechnologie zu gelangen, werden kulturell, gesellschaftlich und ideologisch definierte Konstruktionen von Raum und Geschlecht, Identität und Körper über das Netz neu hergestellt bzw. verhandelt und gelangen in Sekundenschnelle - durch unsere (Netz-) Haut -naturalisiert zu uns zurück. Um Verschiebungen und Umkehrungen - zwischen Naturalisierung und Künstlichkeit, sowie zwischen Objekt- und Subjektstatus - geht es auch in dem Beitrag von Birgit Kaeufer zu Cindy Shermans Illustration und Interpretation eines Märchens der Gebrüder Grimm. Im Medium der Photographie oszillieren die Protagonisten der Erzählung zwischen Artifizialität und Natürlichkeit und spiegeln so - mit Roland Barthes gelesen - die Inhärenz dieses Mediums wider. Die BetrachterInnen selbst werden in das komplexe strategische Spiel des Zusammenklangs von Text und Bild, von Materialität und Fiktionalität hineingezogen. Auch wenn es sich bei den Farbphotographien von Aziz + Cucher um künstlerische Manipulationen handelt, so fesseln die Arbeiten ihr Publikum nicht durch spielerische Verweise auf märchenhafte Fiktionen, sondern, wie Adrian Randolph deutlich macht, durch ihre geradezu unheimliche Macht, scheinbar unmittelbare und unveränderte Abbilder aus unserer heutigen Welt zu sein. Randolph beleuchtet verschiedene Serien digital-veränderter Photographien der Künstler: Von den frühen Ganzkörperdarstellungen in Faith, Honor and Hope über die Serie der mit Haut zugewachsenen Porträts in Dystopia, die fixe Vorstellungen von geschlechtlicher, ethnischer Identität verwerfen, hin zu den wie Körperteile anmutenden Komputerteilen und dermatologischen Räumen, die zwar eine neue Sensualerfahrung aber auch eine "angst concerning future of corpo-realities" versinnbildlichen.
Ein von Thyrza Nichols Goodeve geführtes Interview liefert Einblick in das künstlerische Bezugssystem und in die Denkprozesse von Aziz + Cucher. Wir sind sehr dankbar, daß sich Anthony Aziz und Sammy Cucher trotz ihrer internationalen Verpflichtungen recht kurzfristig bereit erklärt haben, für FKW eine Edition zu erstellen. Wer die Arbeiten des Künstlerduos aus Präsentationen wie der von Peter Weibel jüngst am ZKM kuratierten Großausstellung Der anagramatische Körper kennt, weiß, dass das Format der Edition mit 10 x 10 inches (25.4 x 25.4 cm) untypisch klein für eine Arbeit von Aziz + Cucher ist. Umso erstaunlicher ist es daher auch, daß die Edition trotzdem eine hypnotisierende Präsenz besitzt, die durch ihr monumentalisierendes, quadratisches Format und das gewohnte Verorten des BetrachterInnenauges in die Tiefen des scheinbar lebenden, atmenden Hautraums, erzeugt wird.
Die in der Schweiz lebende Künstlerin Marie-Antoinette Chiarenza hat - auf unsere Einladung hin - eine Künstlerinnenseite zum Themenschwerpunkt und Abschluß dieses Heftes erstellt. cul sur tête (ass on head) konfrontiert die BetrachterInnen auf humorvoll-spielerische Weise mit räumlich-medialisierter Subjekterfahrung bzw. Entfremdung. Das Gesicht oder der "Kopf" der Künstlerin, der auf dem Fernsehmonitor in scheinbarer Direktübertragung animiert und lebensnah erscheint, während Chiarenza mit dem Rücken zur BetrachterIn auf "diesem" sitzt, bleibt schließlich wie vom Körper losgelöst und verselbständigt im Medienraum zurück, nachdem die Künstlerin den Ort bereits verlassen hat. Wir danken nicht nur den AutorInnen unseres Schwerpunktteiles, sondern nachdrücklich auch den Rezensentinnen für ihre Beiträge. Wie immer möchten wir unsere Leserinnen und Leser ermuntern, sich eine Künstleredition zu kaufen, deren Erlös den KünstlerInnen zugute kommt. Auf unserer Webpage frauenkunstwissenschaft.de werden wir in Zukunft auch Farbabbildungen der verschiedenen, noch erhältlichen Kunsteditionen zeigen.[5]
Angela Rosenthal, Christina Threuter
Wir danken Daniela Mondini, mit der wir in einer Emailkorrespondenz den Titel der Ausgabe diskutiert und festgelegt haben.
[1] Michail Bachtin: Regression. Therapeutische Aspekte und die Theorie der Grundstörung. Stuttgart 1987, S. 361, zitiert in Claudia Benthien: Haut. Literaturgeschichtliche - Körperbilder - Grenzdiskurse. Reinbeck bei Hamburg 1999, S. 49-50.
[2] In Anlehnung an Benthien (wie in Anm. 2, S. 51) formuliert, die hier auf den Prozess vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert verweist.
[3] Henri Lefèbvre: The Production of Space; transl. Donald Nicholson-Smith. Blackwell: Oxford, Cambridge, Mass., 1991.
[4] Victor Burgin: Jennis Zimmer, in: Konfigurationen zwischen Kunst und Medien. Hrsg. v. S. Schade, G. Tholen. München 1999.
[5] Die Abbildung auf dem Cover basiert auf der Vorlage der Künstleredition von Aziz + Cucher (Interior Study #5 (2000), C-print auf Aluminium), ist aber hier nicht als Farbphotographie reproduziert, sondern als einfarbige Abbildung einer schwarz-weiss Vorlage gezeigt. |
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