Frauen Kunst Wissenschaft - Halbjahreszeitschrift
 
Heft 32
(Stadt)Räume / Mindscapes
 

Redaktion

Christiane Keim, Ulla Merle (Gastredaktion)

Zum Inhalt:

(Stadt)Räume/Mindscapes

Die Stadt hat viele Attribute und nahezu ebensoviele Probleme. Das zumindest ist der Eindruck, den die stetig anwachsende Zahl der Veröffentlichungen zum Thema vermittelt. Unter solch verheißungsvollen und Neugier weckenden Titeln wie "Die sinnliche Stadt" , oder "The Emerald City" und anderen mehr wird aus den Blickwinkeln der verschiedenen, am Diskurs beteiligten Disziplinen die Vergangenheit der Städte - gemeint sind in aller Regel die internationalen Metropolen - dargestellt, ihre gegenwärtige Situation analysiert und über ihre Zukunftsperspektiven gestritten. Die Erwartungen und Prognosen unterscheiden sich dabei zum Teil erheblich voneinander: Während ArchitektInnen und StadtplanerInnen, nicht zuletzt mit Rücksicht auf die eigenen professionellen Interessen, eine "bessere Stadt" anvisieren, die durch neue, innovative Konzepte entstehen soll , halten SoziologInnen das 'Ende der Städte' für gekommen, zumindest soweit es den Begriff oder die Vorstellung von Urbanität betrifft, wie sie bis heute verbreitet ist.
Im Zuge einer globalisierten Kulturindustrie trete, so etwa Peter Neitzke, der Stadtersatz, die 'Instant City', an die Stelle der realen Stadt; Simulationsbilder schüfen eine werbewirksames Image urbanen Lebens, das die Ambivalenzen und Gefahren städtischer Lebensräume ausblende. Florian Rötzer spricht von der Unfähigkeit, angesichts der weltweiten, an keinen Ort gebundenen Computernetze "architektonisch noch urbanes Leben erzeugen zu können". Die reale Stadt sei unter diesen Voraussetzungen "höchstens noch Gegenstand einer nostalgischen Rettungsaktion für ein sich auflösendes soziales Leben, eine Notlösung für zunehmende ökologische Probleme durch weitere Zersiedelung des Landes und globale Zunahme der Bevölkerung - kommerziell interessanter Kulissenraum für eine ins Museale umschlagende Inszenierung von Örtlichkeit, in der nicht mehr gelebt wird, sondern die nur noch als touristische Attraktion, gewissermaßen als großangelegte, immersive und dreidimensionale Kulisse erlebt werden soll..." Denkt man dieses Vorstellungsmodell weiter, dann liessen sich die Fernsehbilder der zweiten Septemberwoche als Visualisierungen der furchtbarsten Form symbolischer Politik lesen. Gerade die Aufnahmen von der Zerstörung des World Trade Center in New York, die in den Medien weltweit wieder und wieder zu sehen waren, zeigen aber auch, daß die reale Stadt, d.h. der real erfahrbare städtische Raum nicht einfach verschwindet und durch eine virtuelle Erlebniswelt ersetzt wird: Die materielle Struktur der Stadt ist nach wie vor - oder mehr denn je - Dispositiv der Verhandlung von Macht- und Herrschaftsverhältnissen.
"Verteilungskämpfe" um Raum wie auch "Kämpfe um Raumbilder und -konzepte" hält die Soziologin Martina Löw für ein Problem der westlichen Gesellschaft, wobei, so betont sie, diese "Konflikte um Raum maßgeblich im Geschlechterverhältnis ausgetragen werden und in Frauenkörpern Ausdruck finden". In der Mehrzahl der Neuveröffentlichungen bleibt die Genderperspektive allerdings ausgespart oder der Genderaspekt wird auf eine Randbemerkung reduziert. Dabei hat sich feministische, sozialwissenschaftlich ausgerichtete Raumforschung und Architekturkritik intensiv mit dem Thema Stadt auseinandergesetzt und - nach der im Kontext kritischer Wissenschaft vor einer Generation einsetzenden Neuorientierung in Theorie und Praxis - auch den neuerlichen Paradigmenwechsel in den Planungswissenschaften vorangetrieben und mitgetragen. Feministische Interventionen spielten eine maßgebliche Rolle bei der Entwicklung eines breitgefächerten, über den Bereich der Planungswissenschaften hinausreichenden Raumdiskurses, der es unternimmt, mit neuem theoretischem und methodischem Instrumentarium auf eine gegenüber den siebziger Jahren veränderte gesellschaftliche Situation zu reagieren. Zwischen der Genderforschung in den Sozialwissenschaften einerseits und den Kulturwissenschaften andererseits gibt es wichtige Berührungspunkte: ForscherInnen beider Disziplinen verstehen den Raum als eine sozial determinierte, durch (immer wieder neu herzustellende und das heißt auch veränderbare) Beziehungsstrukturen geprägte Einheit ; beide gehen von einem engen Zusammenhang zwischen den materiellen Strukturen/Objektivationen und deren symbolischen Besetzungen bei der Konstruktion und Erfahrung von Raum aus.
Feministische Kunstgeschichte auch im deutschsprachigen Raum hat inzwischen eine lange Tradition auf dem Gebiet der Raumforschung vorzuweisen, die nicht mehr hintergehbar ist oder zumindest doch nicht sein sollte. Den Räumen (in) der Stadt wurde innerhalb dieses Spektrums bisher wenig(er) Aufmerksamkeit zu teil. Gleichwohl liegen wichtige Studien vor, die Kenntnisse geben über die Bandbreite von Verhältnissen, Beziehungen und Handlungsoptionen, die in überkommene Raumstrukturen und kulturelle Artefakte eingeschrieben sind ; besonderes Interesse galt dabei vor allem der Metropole der zwanziger Jahre, die mit dem Imago der 'Neuen Frau' verwoben ist.

Im vorliegenden Heft wollen wir Interesse wecken für die Mannigfaltigkeit möglicher Zugriffe, Untersuchungsmethoden oder Gegenstände architekturhistorischer und sozialwissenschaftlicher Forschung zu Raum und Geschlecht - in der Hoffnung, weitere gendersensible Studien anzuregen.
Der Beitrag von Kornelia Imesch (Zürich) untersucht die Beziehung von Geschlechterbildern und Vorstellungen von Stadt im Italien des 16. Jahrhunderts. In dem Idealstadtentwurf des venezianischen Humanisten Giovan Maria Memmo wird die Stadt jedoch nicht durch den Frauenkörper repräsentiert, wie wir dies aus den Untersuchungen etwa von Sigrid Weigel über den Zusammenhang von Stadt- und Weiblichkeitsmythen kennen, sondern durch den sakral konnotierten 'schönen' männlichen Körper. Frauen haben in Memmos Idealstadt ebensowenig einen Platz wie im realen politischen und wirtschaftlichen Leben Venedigs. Im kulturellen Bereich zeichnete sich zum gleichen Zeitpunkt jedoch eine gegenläufige Entwicklung ab: Die Präsenz von Dichterinnen und Künstlerinnen zeugt vom Aufkommen eines neuen Selbstbewußtseins von Frauen, die eine weiblich bestimmte Umdeutung des Konstrukts vom 'schönen' Körpers in der Architektur- und Staatstheorie mit sich brachte.
Am Gegenstand von Adolf Loos' Museumcafé setzt sich Tag Gronberg (London) mit der Bedeutung von Geschlechterkonstruktionen für die Auffassungen von 'Moderne' im Wien an der Wende zum 20. Jahrhundert auseinander. Gronberg zeigt, daß sich die historischen Gegebenheiten auf Grundlage von binären Oppositionen wie weiblich/männlich bzw. weibliche/männliche Orte wissenschaftlich nur unzulänglich beschreiben lassen. Definitionen von Moderne, darüber informiert der Text, können sowohl männliche wie weibliche Einschreibungen/Zeichen/Markierungen tragen; ebenso erweist sich der städtische Raum des Kaffeehauses als komplexe Struktur: gleichzeitig "Bastion des männlichen Intellekts" und Bühne feminisierter Massenkultur.
Ausgehend vom Begriff der hegemonialen Männlichkeit stellt Gabriele Schambach (Berlin) einen politikwissenschaften Ansatz zur Befragung städtischer Räume nach ihrer Geschlechterstruktur vor. Zum Gegenstand ihrer Untersuchung wählt sie die planerischen Leitbilder, die Grundlage für die Neubebauung des derzeit prominentesten und umstrittendsten städtischen Arreals, des Potsdamer Platzes in Berlin, sind.
Wie die immer wichtiger werdende Auseinandersetzung mit Raum auch in das Werk zeitgenössischer Künstlerinnen eingeht, können wir in diesem Heft gleich an zwei Beispielen zeigen. Die Edition von Manuela Barth (München) "Stark reduziert!" setzt sich kritisch mit "inszenierter Weiblichkeit" auf Werbebildern, die im Stadtraum präsentiert werden, auseinander. Sabine Koloch (Marburg) spricht mit Susanne Weirich (Berlin) über ihre Rauminstallation "Elle ne perd pas le nord". Von Weirichs Arbeit, die eine Landkarte der Schriftstellerin de Scudery aus der Mitte des 17. Jhs. zum Ausgangsmaterial nimmt, schlagen wir einen Bogen zurück zum Text von Kornelia Imesch: Thematisiert werden hier wie dort imaginäre Landkarten. Die Beiträge verdeutlichen, wie sehr unser Verständnis von Topographien durch (kulturell tradierte) Konzepte determiniert ist; diese Konzepte sind es, die Realität produzieren - jedweder 'landscape' gehen 'mindscapes' voraus.

Im Rezensionsteil dominieren in vorliegenden Heft die Tagungsberichte. Sie geben einen (notwendig unvollständigen) Einblick in das breitgefächerte Interessensspektrum des aktuellen feministisch-kunstwissenschaftlichen Diskurses. Die Buchrezensionen widmen sich unterschiedlichen Themen: Silke Tammen vergleicht und bewertet zwei Neuerscheinungen zur Mittelalterforschung; Irene Müller bespricht eine Aufsatzsammlung zu Stadt und Raum in der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert.
Wir danken allen Autorinnen sowie den Künstlerinnen Manuela Barth und Susanne Weirich für ihre Beiträge.

Christiane Keim, Ulla Merle


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Dezember 2001
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