Frauen Kunst Wissenschaft - Halbjahreszeitschrift
 
Heft 33
TOMBOYS
 
Redaktion

Daniela Mondini, Marianne Koos

Beiträge

Veronica Biermann: Geschlecht als Rolle. Christina von Schweden und die Inszenierung "weiblicher Maskulinität"

Annegret Friedrich: Männliche Maskeraden in der Portraitmalerei des 18. Jahrhunderts

Dorothee Messerschmid: Claude Cahun. Anmerkungen zu den Maskierungen einer Dissidentin

Judith Halberstam: The Body in Question: Representing Transgenderism in Contemporary Art

Marion Strunk: Venus Boyz. Ein Film von Gabriel Baur über Drag Kings, Genderperformance, Queerness und Intersexualität

Sabine Fuchs: Femininität - Sichtbarkeit - Erkennbarkeit. Lesbische Körperstilisierungen und die Rhetorik der Visualität

Edition Nr. 21 : Maria Elena González: "Inversion - out of the closet" (Text von Susann Wintsch)

Buchrezension
Antje Krause-Wahl: Harmony Hammond: Lesbian Art in America. London und New York 2000


Ausstellungsrezensionen
Wanda Kupper: Pedigree Pal - Neudefinition der Familie. Shedhalle, Rote Fabrik, Zürich 1. September - 14. Oktober 2001
Karin Krauthausen: Pygmalions Küsse. Oder von Kunst und Sex. I. Sex - Vom Wissen und Wünschen, Hygiene-Museum 8. 11. 2001 - 11. 8. 2002. II. Extrem Sex - Vortrag von Stahl Stenslie, 22. 1. 2002 im Hygiene-Museum Dresden

Besprechungen
Catherine Hug: www.gendergame.ch

Zum Inhalt:

Frauen Kunst Wissenschaft tritt in eine neue Dimension. Das als Relief gestaltete Heft-Cover ist die Edition. Das Heft als ganzes wird dadurch zum Kunstobjekt. In einer Zeit der zunehmenden Konkurrenz durch elektronische Publikationen ist dies ein Versuch der Aufwertung des Printmediums Frauen Kunst Wissenschaft als Objekt, und das trotz oder gerade wegen der Ironisierung, welche die Künstlerin Maria Elena González mit diesem Produkt betreibt. Dass, unter den Anwendungsvorschlägen der Künstlerin für dieses Heft von FKW, gerade das Lesen nicht vorgesehen ist, ist nicht als simple Respektlosigkeit der Kunst gegenüber der Wissenschaft aufzufassen, vielmehr ist die Edition ein konkreter Beitrag sui generis zur Thematik des Heftes.
Die Herausgeberinnen von Frauen Kunst Wissenschaft danken der Künstlerin, die der Zeitschrift mit der doppelten Edition - der "verschenkten" und der "verkäuflichen" - ein außerordentliches Engagement entgegengebracht hat. Ein besonderer Dank gilt der Firma Eternit AG, CH-Niederurnen (Linus B. Fetz), mit deren großzügiger Unterstützung wir die zusätzlichen Druck- und Übersetzungskosten der Edition decken konnten.

Tomboys. Que(e)re Männlichkeitsentwürfe
Tomboys - deutsch unzulänglich als Wildfang übersetzt - sind Mädchen im (vor)pubertären Alter, die sich wie Jungen kleiden und verhalten. Tomboyismus ist primär ein Habitus. Ihm liegt der Anspruch auf jene Freiheit und Beweglichkeit zugrunde, die Jungen für gewöhnlich zugestanden wird. Mit der Entscheidung für ein burschikoses Auftreten ist zugleich eine Auflehnung gegen das Frau-Sein verknüpft. Tomboys verweigern sich jener weiblichen Geschlechterrolle, die in einer männlich dominierten Gesellschaft mit Einschränkungen und Bedeutungsverlust verbunden ist. Die Auflehnung kann aber zusätzlich auch durch eine als abweichend erfahrene individuelle Geschlechtsidentität und/oder ein homosexuelles (lesbisches) Begehren motiviert sein. Mancher transsexuelle Mann (FTM), manche Lesbe, aber auch manche heterosexuelle Frau hat eine Tomboy-Vergangenheit hinter sich. In der Figur des Tomboy überlagern sich Fragen der Devianz bezüglich der Gender-Identität (ein Junge sein zu wollen) und der sexuellen Identität (Frauen zu begehren).
Der Begriff des "Tomboy" dient in diesem Heft als übergeordnete Klammer für die Vielfalt weiblicher Männlichkeitsentwürfe, auf die Judith Halberstam in ihrer grundlegenden Publikation Female Masculinity erstmals ausführlich das Augenmerk gelenkt hat. Der Blick auf die Butch, die Lesbe, die sich in ihren Selbstinszenierungen an männlichen Verhaltensweisen orientiert, ohne ihren weiblichen Körper gänzlich zum Verschwinden zu bringen, hat durch Halberstams kritische Bestandsaufnahme aktueller Entwürfe weiblicher Männlichkeit eine wichtige Erweiterung erfahren. So wird die Perspektive z.B. auf die Transgender Butches geöffnet, Personen, die - mit einem weiblichen Geschlecht geboren - nach außen eine täuschend überzeugende männliche Identität vorstellen und permanent leben; oder auf die Drag Kings, Personen weiblichen Geschlechts, die in lustvoll inszenierten (und oft zeitweiligen) Verkleidungen männliche Geschlechterrollen parodistisch vorführen, und damit die gemeinhin angenommene Übereinstimmung von Geschlecht, Identität und Begehren unterlaufen und als falsche Voraussetzung bloßlegen.
Mit ihrem Buch rückt Halberstam einen in den Queer Studies noch relativ wenig beachteten Themenkomplex in den Vordergrund, der auch aus theoretischer Sicht von besonderer Bedeutung ist. Wie Halberstam zeigt, handelt es sich bei weiblicher Männlichkeit um Konstruktionen, die sich an einer vorschnellen Etikettierung selbst als "lesbische Identität" reiben können. Das politische Potential von Transgender-Männlichkeitsentwürfe liegt in ihrer besonderen Instabilität und Transitorik begründet. In dem Maße, wie sich diese einer Konstruktion von "Heimat" widersetzen, werden sie für alle (non-)normativen Entwürfe, die feste Geschlechterrollen und -hierarchien unangefochten lassen, zur Herausforderung.
Zugleich bedeutet Halberstams Untersuchung aber auch eine grundlegende Erweiterung der aktuellen Diskussion über Männlichkeit. Wie sie mit ihrem Buch einfordert, ist innerhalb der Debatte über Männlichkeit als historisches, kulturelles und soziales Konstrukt auch dem "que(e)ren" Beitrag genetischer Frauen Rechnung zu tragen; jenen Formen weiblicher Männlichkeit, welche traditionelle männliche Identitäten subversiv unterlaufen können. Hatte sich die Forschung zur Maskulinität bislang primär der Vielfalt möglicher Identitätsentwürfe von Personen zugewandt, die männlichen Geschlechts (sex) sind, wird der Ausgangspunkt der Untersuchung hier konsequent von der Anatomie auf die performativ vorgestellte Geschlechtsidentität verlagert. Diese neue Form der Männlichkeit, die aus einem Frauenkörper gebildet wird, versteht sich dabei nicht als bloße Kopie, sondern als eine kritische Setzung, die in ihrer Hybridität ihrerseits etwas Originäres begründet.

Als (sub)kulturelle Bewegung sind Entwürfe weiblicher Männlichkeit in den letzten Jahren vor allem in den USA in Erscheinung getreten. Der US-amerikanischen Drag King- und Female-to-Male-Szene hat die Schweizer Regisseurin Gabriel Baur mit ihrem preisgekrönten Film Venus Boyz (Locarno 2001) jüngst ein beachtenswertes Denkmal gesetzt. Baur porträtiert Personen weiblichen Geschlechts, die in Bühnenshows - und teils auch im Alltag - als Männer auftreten. Die gezeigten Performanzen spielen mit den unmittelbar in Gang gesetzten geschlechtlichen Rollenzuschreibungen, die verkehrt und verwirrt werden. Die täuschend echt gespielte Rolle der Männlichkeit wird dazu eingesetzt, Männlichkeit als Rolle zu enthüllen. Oder wie es Marion Strunk in ihrem Beitrag zu diesem Film formuliert: "Die Welt des Scheins produziert das Reale als Effekt und das sogenannte Normale als Artefakt einer Maskerade".
Weibliche Männlichkeit kann performativ als Travestie auf dem Körper inszeniert, aber auch "in-formativ" mittels hormoneller und chirurgischer Eingriffe in den Körper hinein getragen werden. Ein so veränderter Körper schließt - mehr oder minder rigoros - jene Ambivalenzen und Irritationen der Blicke aus, die in Transgender-Identitäten bewusst als solche stehen gelassen und provoziert werden. In ihrem Beitrag The Body in Question: Representing Transgenderism in Contemporary Art befasst sich Judith Halberstam mit künstlerischen Arbeiten, welche eben diese Widersprüche hybrider Körper thematisieren und somit das Wagnis der Inkongruenz formulieren. Durch die als "eindeutige Wahrheit" geltende Biologie, die entblößt werden kann, besteht für Transgender-Identitäten fortwährend die Gefahr, dass das vorgestellte Bild für ungültig erklärt oder gewaltsam vernichtet wird. Halberstam, die den Transgender-Körper als Paradigma des ausgehenden 20. Jahrhunderts begreift, kritisiert in ihrem Artikel den heteronormativen Ausschluss möglicher Ambivalenzen und Instabilitäten, einen Ausschluss, den sie vor allem im chirurgischen Blick verortet sieht, den postmoderne Bilder des Körpers jedoch unterlaufen und aufheben können.
Neben zeitgenössischen Phänomenen versucht dieses Heft aber auch, die Thematik des Tomboy aus historischer Perspektive zu beleuchten. Anhand verschiedener Quellentexte aus der Barockzeit untersucht Veronica Biermann die Selbstinszenierungen der Königin Christina von Schweden. Christinas überliefertes Bild ist in erster Linie von Ambiguität und Ambivalenzen geprägt - für die Frage nach ihrer vorgestellten Identität ist das "wahre" Geschlecht kaum von Belang. Wie Biermann analysiert, bedeutet Männlichkeit bei Christina keine Travestie, kein Mann-sein-Wollen, sondern ein radikal betontes "Nicht-der-weiblichen-Geschlechterrolle-Entsprechen". Damit weist sie auf einen wichtigen Aspekt weiblicher Männlichkeitskonstruktionen hin, das Problem der Macht und Machtlosigkeit von Frauen in einer männlich dominierten (höfisch-barocken) Gesellschaft.
Das weiter gefasste Thema der männlichen Maskerade und androgynen Selbstinszenierung greift Annegret Friedrich in ihrem Beitrag über Frauen in Männerkleidern in der Porträtmalerei des 18. Jahrhunderts auf. Wenn diese Bildnisse von damaligen Kunstkritikern negativ rezipiert, ihnen und den Dargestellten Häßlichkeit und Vermännlichung attestiert wurden, so legt das die Irritationen offen, die Entwürfe dieser Art für eine binär organisierte und biologisch begründete Geschlechterordnung bedeute(te)n. Von den Repräsentationen auf die sexuelle Identität der dargestellten Frauen zu schließen, diesen Schritt unternimmt Friedrich nicht. Wie auch Biermann macht sie auf die besondere methodische Schwierigkeit historischer Untersuchungen in Hinblick auf eine "Frühgeschichte" der Butch und ihrer maskulinen Schwestern aufmerksam: dass die Vorstellung von einer festen Identität, die als solche mit differenzierten Begriffen wie homosexuell oder lesbisch bezeichnet werden könnte, erst im späten 19. Jahrhundert aufgekommen ist.
Mag diese Vorsicht bei der Erforschung weit entfernter Epochen nahe liegen, so zeigt Dorothee Messerschmid in ihrem Beitrag über die Künstlerin Claude Cahun, dass auch in Untersuchungen über die Kunst der Moderne Differenzierungen notwendig sind. Cahun ist nicht minder eine Figur, die sich allen Festschreibungen entgegensetzt und sich ebensowenig unter dem Begriff "lesbisch" fassen lässt. In einer detaillierten Bildanalyse zeigt Messerschmid, wie die komplexe Bedeutung von Cahuns Verwandlungen und Veränderungen in ihren fotografischen Performanzen erst über eine eingehende Berücksichtigung auch ihres schriftlichen Werkes und einer näheren Untersuchung ihrer Bildsymbolik sowie -logik geleistet werden kann.
"Wann ist ein Mann ein Mann?" - Ganz anders und doch ähnlich stellen sich die Fragen: Wann ist eine Lesbe eine Lesbe? Oder: Wann hört eine Lesbe auf, Lesbe zu sein (z.B. wenn sie eine Hetera oder ein Mann wird)? Woran erkennt man eine Lesbe? Als wesentliches Kriterium für die Konstitution von Identität gilt die Sichtbarkeit. Wie Marion Strunk in ihrem Beitrag analysiert, wird in den Bühnenshows von Drag Kings deutlich, wie das "Subjektsein […] über das Visuelle bestimmt [wird] und Körper über Bilder". Zugleich gilt es zu beachten, wovor Judith Halberstam in ihrem Beitrag warnt, dem Vertrauen in die Sichtbarkeit, der vermeintlichen Verlässlichkeit auf das Visuelle, dessen täuschende Kraft eben dort besonders deutlich wird, wo hybride Körper Verwirrung stiften. An der "Rhetorik der Visualität" übt auch Sabine Fuchs in ihrem Beitrag über lesbische Körper-Stilisierungen Kritik. Wie sie argumentiert, ignoriert eine an der Vorherrschaft der visuellen Repräsentation orientierte Identitätspolitik die Figur der Femme, eine Verkörperung, die im Gegensatz zur Butch "keine visuelle Evidenz für ihre geschlechtliche/sexuelle Devianz" liefert.

Auch der Rezensionsteil nimmt auf die Heftthematik Bezug, insbesondere sei auf das Buch von Harmony Hammond "Lesbian Art in America" hingewiesen, das Antje Krause-Wahl bespricht. Die Ausstellung Pedigree Pal konfrontiert Arbeiten von GegenwartskünstlerInnen, die sich mit alten und neuen (queeren) Familienkonstruktionen befassen (Rezension von Wanda Kupper). Über Sex und Cybersex handelt der Beitrag von Karin Krauthausen, welche die laufende Ausstellung im Hygiene-Museum Dresden mit einem dort gehaltenen Vortrag von Stahl Stenslie konfrontiert. Catherine Hug stellt ferner ein von Künstlerinnen konzipiertes Gendergame vor, das im Netz aufgesucht werden kann.

Marianne Koos, Daniela Mondini

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Juni 2002
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Edition Nr.: 21