Frauen Kunst Wissenschaft - Halbjahreszeitschrift
 
Heft 37
Heimat-Räume. Beiträge zu einem kulturellen Topos
 

Beiträge

Regina Göckede: Der Transgress des Exils und die Grenze der Geschichtsschreibung: Prätention und Selektion in der Historiografie des ArchitektInnen-Exils

Christine Müller: Keine Heimat für Heidi oder von der Unmöglichkeit, ein weibliches Nationalsymbol zu sein

Barbara Schroedl: Heimatfilme und die Neuordnungen des Nationalen

Ulla Merle: Innen? Außen? Noch ein Blick auf Frida Kahlo

Edition

Nr. 25: Sascha Reichstein: Situationen im Bild – Positionen im Raum

Text: Christina Threuter

Tagungsberichte

Simon Möller: Gendered Design – Designing Gender? Bericht zum 1. Europäischen Gendertag im Design, Köln, 21.-23.November 2003

Natascha Unkart: Sexualitäten und ihre Subjekte. Zu einem Seminar an der Wiener Akademie der Bildenden Künste zur Repräsentation und Produktion von Sexualität in der visuellen Kultur, 21. und 22. November 2003

Buchrezensionen

Karoline Hille: Brückenschläge – mannigfaltig.

Zu Ada Raev: Russische Künstlerinnen der Moderne (1870-1930). Historische Stile, Kunstkonzepte, Weiblichkeitsentwürfe

Wibke Hartewig: Über Christiane Kuhlmann: Bewegter Körper – Mechanischer Apparat. Zur medialen Verschränkung von Tanz und Fotografie in den 1920er Jahren an den Beispielen von Charlotte Rudolph, Suse Byk und Lotte Jakobi

Ausstellungsrezension

Inga Schwede: Naomi Tereza Salmon meets Boris Lurie.

Zur Ausstellung: Naomi Tereza Salmon: optimistic – disease – facility. Boris Lurie, New York – Buchenwald, Buchenwald Aug./Dez. 2003

Infoteil

Redaktion: Marianne Koos

Zum Inhalt:

Innerhalb der vielfältigen Diskurse zur Globalisierung steht „Heimat“ als Topos und Mythos zur Disposition. Der Begriff von Heimat verweist auf eine identitätspolitische Strategie, die sich auf die „Verwurzelung“ des Menschen in seiner Nahwelt bezieht und den Ort sowohl des Einzelnen wie den von Gruppen innerhalb spezifischer geographischer, topographischer oder auch kultureller Räume zu bestimmen sucht. Auf der Suche nach den authentischen „Wurzeln“ sozialer und kultureller Selbstrepräsentation sind diesen Räumen Grenzen gesetzt, die durch binäre, hierarchische Oppositionen - das Eigene vs. das Fremde, das Selbst vs. das Andere, das Drinnen vs. des Draußen – markiert sind und auf den Konzepten von Zentrum und Peripherie beruhen. Dieses starre, antagonistische Ordnungsschema erzeugt Einheiten, Kontinuitäten und Totalitäten, die sich auf Konstrukte von Zugehörigkeit berufen und die Naturalisierung geopolitischer Ordnungssysteme voraussetzen. Verbunden mit dem Verlangen nach sozialer und kultureller Identität und nach als beständig und dauernd definierten Gemeinschaften bezeichnen Heimatbegriff und Heimatdiskurs auch ein höchst emotionalisiertes (zumeist weiblich konnotiertes) Feld, das, um als sinnstiftende Kraft bestehen zu können, gegenüber dem „Anderen“ mit allen Mitteln, bis hin zu militärischer Gewalt, verteidigt werden muß.

Im sogenannten Globalisierungszeitalter scheint diese Vorstellung von Heimat freilich obsolet geworden zu sein. Flexible Lebens- und Denkweisen, das Wahrnehmungsraster einer grenzenlosen Mobilitität in einem leeren, „transparenten“ Raum (Henri Lefevbre) treten, so wird postuliert, an die Stelle des Wunsches nach Verwurzelung und Bodenständigkeit.

Im Zeichen des Postkolonialismus und der Globalisierung finden sich in der zeitgenössischen Kunst vielfältige Metaphern des Nomadischen als Ausdruck von Veränderung durch Bewegung. Besonders in dem Begriff von einer Weltkunst, deren künstlerische und ökonomische Voraussetzungen in der hegemonialen, westlich dominierten Kommunikations- und Warengesellschaft verankert sind, spiegelt sich die Vorstellung einer universalisierenden, zeit- und ortlosen Beheimatung von Kunst und KünstlerInnen im globalen Dorf wider.

Wenn sich die Beiträge dieses Schwerpunktheftes unter verschiedenen historischen Perspektiven mit den textualisierten und visualisierten Konstruktionen von Heimat auseinandersetzen, dann könnte dies auf den ersten Blick also auf einen revisionistischen Ansatz schließen lassen. Es geht uns jedoch nicht um eine Neudefinition, Modifizierung oder gar um eine Rettung des Heimatbegriffs, sondern vielmehr um das Aufzeigen der vielfältigen Funktionen, die Heimat als Referenzpunkt für Diskurse um Exil, Nation(alität) und (KünstlerInnen-)Repräsentation spielt.

Regina Göckede erörtert die bisherigen wissenschaftstheoretischen Prämissen der Geschichtsschreibung und der Rezeption des ArchitektInnen-Exils. Indem sie den verschiebenden Blick der Transgression wählt, zeigt sie auf, dass vor allem das Postulat der (architektur-)geschichtlichen Kontinuität als Erkenntnismodell verhinderte, die Phänomene des Bruchs bzw. Diskontinuitäten aufzudecken; obwohl doch gerade diese Abweichungen, beispielsweise als Deplatzierungen, dem Ereignis und der Erfahrung des Exils zugrunde liegen. Vor allem in Hinsicht auf die Marginalisierung von Exilantinnen innerhalb der patriarchalen Erzählungen moderner Architekturgeschichte sieht Göckede besonders in der (noch ausstehenden) Analyse der offensichtlichen Diversität der Architektinnen-Exile eine Chance für die Dekonstruktion hegemonialer Geschichtsschreibung.

Mit dem metaphorischen Begriff der Heimat und seinen Mediatisierungen im sogenannten Heimatfilm der 50er Jahre beschäftigt sich Barbara Schroedl in ihrem Beitrag. Sie arbeitet die geschlechtsspezifischen Konnotationen filmisch inszenierter Bilder von Heimat heraus und kann so verdeutlichen, welch wichtig Rolle das Genre Heimatfilm zur Neukonstitution der nationalen Gemeinschaft für die Nachkriegsgesellschaft hatte. Demgegenüber scheint die seit Ende des 19. Jahrhunderts populäre, literarische Figur der „Heidi“ der Autorin Johanna Spyri für die Schweiz keine große Relevanz als Nationalsymbol zu haben, wie Christine Müller anhand der Vorstellungen von der Nation Schweiz im Bild der Heimat konstatiert.

Seit der Premiere des neuen Kinofilms Frida von Jane Taymour im letzten Jahr boomt das Thema Frida Kahlo wieder einmal. „Schönheit“ und „Schmerz“ als Leitformeln einer rein aus dem Biographischen und aus dem vermeintlich ontologisch Weiblichen begründeten Interpretation ihres Werkes, wie sie in den populären Filmen und auch in neueren Publikationen unermüdlich kolportiert werden, scheinen andere Perspektiven bzw. Dekonstruktionen dieses Künstlerinnenmythos’ regelrecht zu ersticken. Anhand des Gemäldes Mein Kleid hängt dort oder Amerika leistet Ulla Merle eine stringente Bildanalyse, die diesem Diskurs entgegenzuwirken sucht. Merle verweist in dieser Analyse auf Kahlos Strategie der künstlerischen Selbstinszenierung, die nicht nur mit der „Unmöglichkeit weiblicher Autorschaft“ subversiv umzugehen versteht, sondern sich ebenso zu zeitgenössischen Diskursen des Eigenen und des Fremden in der Kultur äußert.

Anliegen des Heftes ist es, den vor geraumer Zeit begonnenen, vielfältigen Diskurs um Heimat, der heute (nicht nur) im Kontext der EU-Erweiterung wieder besondere Brisanz erhält, aufzugreifen, ein Stück voranzutreiben und vor allem zu weiterem Nachdenken anzuregen. Ein wichtiges, noch (weiter) zu bearbeitendes Feld wäre hier aus unserer Sicht u.a. die Analyse des Gegenmodells zur Heimat mit ihren hierarchischen Bestimmungen und ihrer essentialistischen Subjektdefinition. Bietet das Konzept des Nomadentums, so wäre zu fragen, einen Ausweg aus den Binarismen und den monokulturellen Selbstentwürfen westlicher Kultur oder versteckt sich dahinter ein anderer, keineswegs neuer Mythos: der des männlichen, den Raum beherrschenden, grenzenlos ‚freien‘ Individuums als Idealtypus neoliberaler Gesellschaftsentwürfe?

Wir danken allen Autorinnen und Sascha Reichstein, die neben der Edition auch für die Covergestaltung sorgte, sehr für ihre Beiträge.


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Juni 2004
Heft 37 - Klick = großes Bild
Redaktion
Christiane Keim
Christina Threuter
Infoteil
Marianne Koos