Frauen Kunst Wissenschaft - Halbjahreszeitschrift
 
Heft 38
Mothering
 
Beiträge

Elisabeth von Dücker: „Vereinzelt sind Mütter auch Männer...“ - Inspektion einer Schatten­arbeit. Der Arbeitsplatz Kind

Monika Kaiser: Madonna und die Zukunft? Zur Langlebigkeit des mütterlichen Idealbildes in den visuellen Medien

Silke Tammen: Mutterschaft in der Kunst des Mittelalters – ein kritischer Literaturbericht

Ingrid Noll: Mütter mit Macken. Riberas La Barbuda

Monika Schwärzler: Kinderlose Mütter. Mothering the Self in den Selbstporträts Maria Lassnigs

Reinhild Feldhaus: Ohne Scham, mißbraucht und kinderlos. Das Obszöne einer weiblichen Künstlerschaft

Edition

Nr. 26: Susanne von Bülow: Motherhood (Postkartenserie)
Annegret Rittmann: Zur Edition Motherhood von Susanne von Bülow

Buchrezensionen

Mechthild Fend: Germaine Greer: Der Knabe, Hildesheim: Gerstenberg 2003 Melanie Ulz: Der Androgyn als Grenzgänger. Mechthild Fend: Grenzen der Männlichkeit. Der Androgyn in der französischen Kunst und Kunsttheorie 1750-1830, Berlin Dietrich Reimer Verlag 2003

Zum Inhalt:

Wir haben dieses Heft mit Mothering, einem von der amerikanischen Philosophin Sara Ruddick übernommenen Begriff, überschrieben.[1] Das deutsche Äquivalent Mütterlichkeit wird, wie Mutterschaft oder Maternität, allein mit Frauen assoziiert und kann vor dem Hintergrund der Mütteridealisierung in Deutschland, insbesondere im deutschen Faschismus, nicht als wirkungsvolle Identifikationsvorlage zeitgemäßer oder zukünftiger Elternschaft dienen. Mothering erscheint uns insofern angemessener, als Ruddick damit den Aspekt der Fürsorge um heranwachsende Kinder losgelöst von der Geschlechtszugehörigkeit definiert, sie also Männer und Frauen gleichermaßen dafür fähig erachtet. Die Sperrigkeit eines Anglizismus, so hoffen wir, könnte zudem dabei behilflich sein, ein vermeintlich vertrautes, alltägliches Thema mit neuer Aufmerksamkeit zu bedenken.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bewegt bereits seit Jahrzehnten die Gemüter und wird zur Zeit im Hinblick einer notwendigen Reform der Sozial­versicherungs­systeme beson­ders lebhaft diskutiert. Der Zusammenhang zwischen stagnierenden Geburten­raten[2] aufgrund der Unvereinbarkeit von Familie und beruflicher Karriere und einem Sozialsystem, dem die Basis wegzubrechen droht, wird aber nicht hinreichend öffentlich gemacht. Politische Maßnahmen zur Gleichstellung von Frauen im Beruf scheinen eher unzureichend und halbherzig. So wurden in Westdeutschland Teilzeitarbeitsmodelle favoritisiert, was jedoch vorrangig der Regulierung des Arbeitsmarktes diente und die Doppel- und Dreifachbelastungen von Frauen beim Alten beließ. Aufgeschreckt durch das schlechte Abschneiden deutscher SchülerInnen in der Pisa-Studie gibt es inzwischen zwar bundesweite Bemühungen um die Ganztagsschulförderung, aber auch hier weht der Wind aus einer anderen Richtung: es gilt, den Ruf der deutschen Bildung zu retten und die internationale Wettbewerbsfähigkeit nicht aufs Spiel zu setzen. Doch spätestens nach 1989 hätten die positiven Seiten eines flächendeckenden, gut funktionierenden Kinderbetreuungssystems, wie es in der ehemaligen DDR praktiziert wurde, aufgegriffen und weiterentwickelt werden können. Stattdessen setzte im vereinigten Deutschland noch einmal ein Rückzug ins Private ein: Kinderhaben und Karriere sollten gleichzeitig möglich sein, der Mythos der erfolgreichen Frau mit Kind erschien in den neunziger Jahren auf der Bildfläche, die Medien konfrontieren uns mit einer Renaissance von Madonnen­bildern, wie Monika Kaiser in ihrem Beitrag Madonna und die Zukunft darlegt.

Wie aber die Berufstätigkeit von Frauen mit Kindern in der Realität zu meistern war, wurde und wird dem Improvisations­vermögen und den Geldquellen der betroffenen Eltern überlassen - die klassische Karriere der Mutter bleibt dabei meistens auf der Strecke oder, noch schlimmer, die Kinder. In den siebziger Jahren schienen die Uhren zunächst auf gesellschaftliche Veränderung gestellt und die Bereitschaft zur Über­windung tradierter Rollen vorhanden zu sein. (Abb.1) In der Folgezeit des Experimentierens entstand dann in Hinblick auf die Veränderbarkeit der familiären und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der trügerische Eindruck eines ”beständigen Landeanfluges”, wie Susanne Mayer es in ihrer bissig-provo­kanten Gesellschaftsanalyse Deutschland, armes Kinderland beschreibt.[3] Ob Kinder oder keine entscheiden wir alleine, dieser Schlachtruf der zweiten Frauenbewegung, der sich gegen den Gebärzwang richtete,[4] stößt heute bitter auf, da sich die Erkenntnis durchsetzt, daß die Entscheidung für oder gegen Kinder nicht unabhängig von den gesellschaftlichen Rahmen­bedingungen getroffen wird. Solange aktiven Eltern die Entwicklungs­möglichkeiten in qualifizierten Berufen gekappt werden, entschließen sich gut Ausgebildete nicht für Kinder oder höchstens zu einem. Prognosen zufolge bleiben derzeit allein 40% der deutschen Akademikerinnen kinderlos. Hier plant nun Bundesfamilien­ministerin Renate Schmidt nach der Bundestagswahl 2006 Abhilfe: gemäß dem Vorbild der skandina­vischen Länder soll dann das derzeitig zweij­ährige Bundeserziehungsgeld in eine einjährige Lohnersatzleistung umge­wandelt werden, orientiert am ursprüng­­lichen Einkommen der Eltern. Auf diese Weise will sie v.a. die Väter zunehmend an der Erziehung beteiligen.[5] So begrüßenswert dieser Vorschlag auch ist, so sehr befremdet, daß Lohnersatzleistungen erst im Zusammenhang mit väterlichem Mothering politisch ernsthaft erwogen werden.

Elisabeth von Dücker, Kustodin am Museum der Arbeit in Hamburg und verantwortlich für die dortige Abteilung Frauen und Männer – Arbeitswelten, Bilderwelten, beschreibt in ihrem Beitrag Vereinzelt sind Mütter auch Männer die alltäglichen Seiten des Arbeitsplatzes Kind als Schattenarbeit. Sie nennt das vielbeschworene Dreiphasen-Modell einen Karrierekiller, da es dazu führt, daß eine Verbindung von Kindern und beruflicher Karriere, sprich Kontinuität in der Berufs­biografie über einen längeren Zeitraum, der ausreichend Zeit für Familie und Karriere ließe, gar nicht erst als möglich erachtet wird. [Andere Modelle, den zufolge erst nach der geleisteten Kleinkindphase das volle Potential entfaltet wird, sind in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und des noch weit verbreiteten Jugendwahns ohnehin überflüssig.]

Für das Arbeitsfeld der KünstlerInnen sowie der Kunst- und KulturwissenschaftlerInnen gelten noch schärfere Bedingungen, da der Konkurrenzdruck sehr hoch ist und die notwendigen Freiräume für arbeitsintensive Phasen teuer erkauft werden müssen. Die geplanten Verbesserungen der Betreuungsverhältnisse von Kleinkindern werden Künstle­rInnen und freischaffenden Wissen­schaftlerInnen, die als Selbstständige im Kulturbetrieb keiner tariflich geregelten Arbeit nachgehen, nur partiell weiterhelfen. Signe Theill nannte ihr Ausstellungsprojekt, das 2003 im Künstlerhaus Bethanien in Berlin und 2004 im Paula Modersohn Becker-Museum in Bremen gezeigt wurde, dementsprechend doublebind – kinder, kunst, karriere. Gezeigt wurden Werke und Interviews von 27 zeitgenössischen Künstlerinnen, die unterschiedlichste Strategien aufzeigten, um Kinder und Kunst unter einen Hut zu bringen.[6] In den Interviews kamen auch generationsübergreifende Aspekte zum Ausdruck: Während Rune Mields ihre Kinder zu verbergen suchte und erst nach der Erziehungsphase richtig durchstartete, warnte sie ihre Töchter vor unüberlegter Mutterschaft, mit dem Ergebnis, daß diese kinderlos blieben, während ihre Söhne alleinerziehende Väter geworden sind. Einige Künstlerinnen der Ausstellung zeigen, daß es zudem auch möglich ist, Kinder in das Kunstschaffen einzu­beziehen, markieren damit aber einen bewußten Bruch mit tradierten und anerkannten Kunstvorstellungen. Interessant ist in unserem Kontext die Aussage von Ute Weiss-Lederer, die ihre künstlerische Ausbildung in der DDR erhielt: Bereits bei ihrer Aufnahme an die Kunsthochschule wurde sie darauf hingewiesen, daß Künstlerdasein und Mutterschaft nicht zueinander passen.[7]

Wie ist es nun um den wissenschaftlichen Diskurs zu Mothering bestellt? Auch auf dem aktuellen deutschen Büchermarkt boomt das Thema.[8] Querelles-Net, eine Online-Rezensionszeitschrift für Frauen- und Geschlechterforschung widmete ihre Novemberausgabe 2004 dem Schwerpunkt Väter Mütter.[9] Publikumswirksam aufgezogene soziobiologische Studien wie Mutter Natur der amerikanischen Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy oder aber soziopsychologische und -historische Publikationen wie die von Herrad Schenk und Barbara Vinken[10] gelten inzwischen als Grundlage für jeden Feuilletonartikel diesen Themas. Blaffer Hrdy zeichnet in ihrem voluminösen Opus die evolutionäre Herausbildung vielfältigster Facetten von Mütter­lichkeit nach und räumt mit den nach wie vor verbreiteten Vorstellungen von scheuen Weibchen und aufopferungsvollen Müttern auf - nicht nur bezogen auf das Tierreich, sondern auch in Hinblick auf die unterschiedlichsten Kulturepochen bis in die Jetztzeit. Schenk führt mit ihrer provokanten Frage ”Wieviel Mutter braucht der Mensch?” die rasanten Veränderungen von Mutterschaft im Laufe des 20. Jahrhunderts, besonders aber in den Jahrzehnten seit Ende des Zweiten Weltkrieges vor Augen: In nur wenigen Jahrzehnten hat sich das quasi per Geschlecht vorgegebene Mutterschicksal zu einem frei wählbaren, zeitlich regelbaren weiblichen Lebensentwurf gewandelt, dem ein ähnlicher Selbstverwirklichungs­charakter zukommt wie beruflicher Aktivität. Vinken zeichnet die Sonderrolle der deutschen Mutter nach, die im europäischen Vergleich einem extremen Anspruch auf alleinige Zuständigkeit für die Erziehung, zumindest in den Kleinkindjahren, untersteht. Gedanklich bereits durch Pestalozzi vorbereitet, durch die Mütterpolitik der ersten Frauenbewegung in Deutschland gefestigt, wurde dieser Mythos zu Zeiten des geteilten Deutschlands im Westen zur Abgrenzung gegenüber der sozialistischen Familienpolitik der DDR benutzt.

Aktuelle kunsthistorische Publikationen scheinen auf den ersten Bick nicht gerade häufig. Umso erstaunter waren wir, wie komplex das Themenspektrum bereits in der mittel­alterlichen Kunstgeschichtsforschung diskutiert wird, wenngleich noch stark unter ikonographischen Gesichtspunkten, wie Silke Tammen in ihrem kritischen Literaturbericht darlegt. Tammen zeigt die verschiedenen, nämlich auf sakraler, spiritueller und physischer Ebene nachweisbaren Formen mittelalterlicher Mutterschaft auf, versäumt aber auch nicht, noch offene Fragestellungen und Forschungs­desiderate zu benennen. Interessant ist in unserem geschlechtsübergreifenden Mothering-Verständnis, daß Mutterschaft im Mittelalter nicht ausschließlich zur Definition von Weiblichkeit diente, sondern ”auch in sakrale Männlichkeits­konstruktionen eingehen” konnte.[11]

In der Frühen Neuzeit stoßen wir auf so merkwürdige Mütter wie Jusepe Riberas La Barbuda, einer bärtigen Frau mit Säugling auf dem Arm. Solche Figuren sind bis ins 20. Jahrhundert, etwa unter dem Zirkuspersonal in Tod Brownings Film Freaks von 1932 anzutreffen.[12] Riberas Bärtige gehört jedoch noch gänzlich zu den von Respekt für die Andersartigkeit geprägten Darstellungen. Sie präludieren den Typus der Bösen Mutter, der dann im 19. Jahrhundert virulent wird.[13] Hier nutzten wir die Gelegenheit, dank des im Sommer erschienenen Erzählbandes Fremde Stimmen einen Text etwas anderer Art zu integrieren. Nolls behutsame, fiktionale Verlebendigung soll innerhalb unseres Heftes überleiten zu den Beiträgen, die künstlerische Auseinandersetzungen zum Thema präsentieren.

Die österreichische Malerin Maria Lassnig (*1919) gehört noch zu der Künstlerinnen­generation, die sich ihrer Berufung zuliebe bewußt gegen Heirat, Mutterschaft und Familie entschied / entscheiden mußte. Ihre jüngst im Kunsthaus Zürich und im Frankfurter Städel gezeigte Ausstellung Zwei Arten zu sein wartete mit etlichen Gemälden zu diesem Konfliktfeld auf. Monika Schwärzler zeigt in ihrem Beitrag, wie sich dennoch ”mütterliche Pro-creationslust” im Werk dieser Künstlerin manifestiert ohne dabei die gängigen Sublimie­rungs­­theorien (Kunst statt Kinder) ins Feld zu führen.

Daß Mutterschaft und Künstlertum sich ausschließen, da Künstlerinnen die natürliche Geschlech­­ter­ordnung negieren und pervertierten, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine weitverbreitete These. Leider ist diese auch heute noch nicht obsolet. So zitiert Maya Raskers Lügen- und Geschichtenerzählerin die jüngst zur Nobelpreisträgerin gekürte Elfriede Jelinek mit der Feststellung sie ”kenne keine bedeutenden Künstlerinnen mit Kindern”[14] und läßt die Protagonistin ihres subtil um Mutter- und Vaterschaft kreisenden Romans mit fataler Logik fortfahren ”das sind ungleiche Größen. Mutterschaft tötet die Phantasie. Die Phantasie tötet das Kind.” Reinhild Feldhaus zeigt anhand der auf Obszönität ausgerichteten Selbst­inszenierungen zweier erfolgreichen post-feministischer Künstlerinnen, wie diese erneut auf das scheinbar überholte Denk­muster von Kunsttheoretikern wie Karl Scheffler oder Hans Hildebrandt rekurrieren. Die Arbeiten von Elke Krystufek und Tracy Emin gelten zwar als ”radikal, subversiv und tabubrechend”, entgegen dem expliziten Anliegen von Aktions­künstle­rinnen der 70er Jahre wird Körper­lichkeit und Sexualität jedoch von beiden wieder privatisiert.

Ausgeprägte Mutter­stereo­type finden sich im Film, insbesondere im Melodram, das speziell ein weibliches Publikum ansprechen sollte, und im Horrorfilm.[15] Als ”geharnischte Glucken” oder Monsterfiguren tauchen Mütter auch im aktuellen Hollywoodfilm wieder auf, wie Elisabeth Bronfen konstatierte.[16] Eigenartigerweise fehlt aber die mit ”Geborgenheit, Verläßlichkeit und Vertrautheit” assoziierte Figur der Mutter völlig im deutschen Heimatfilm der 1950er und 60er Jahre, wie die Literatur- und Medien­wissenschaftlerin Renate Möhrmann feststellte. Dieser Befund sowie die Tatsache, daß der soziologische Wandel der Mutterrolle kaum einen Niederschlag in deren fiktionalen Umsetzung gefunden hat und somit das Zerrbild von guter und böser Mutter nach wie vor dominierte, ver­an­­laßte sie zu einer ersten umfangreichen Untersuchung zur Mutter als ästhetischer Figur. Publiziert 1996 als interdisziplinär angelegter Sammelband mit dem programmatischen Titel Verklärt, verkitscht, vergessen, ergänzte dieser die bis dato recht überschaubaren kunsthistorischen Publikationen um grundlegende Einzel­betrachtungen.[17] Das von Renate Berger angesprochene Post-Partum-Document (1973-79) von Mary Kelly und der von Möhrmann behandelte Film Deutschland, bleiche Mutter (1980) von Helma Sanders-Brahms, stellen jedoch die beiden einzigen Arbeiten dar, in denen die Mothering-Tätigkeit explizit Beachtung findet. Eine weitere interdisziplinäre Bestands­auf­nahme stellt die Ausstellung Macht und Fürsorge. Das Bild der Mutter in der zeitgenössischen Kunst dar, die 1999 in der Trinitätskirche in Köln als erster Teil der Trilogie Mutter Kind Vater zu sehen war.[18] Dort galt das Augenmerk der Texte stärker rechts- und religions­geschicht­lichen sowie philosophischen Fragestellungen und die Auswahl der Kunstwerke umfaßte auch Arbeiten von Künstlern. Doch auch wenn das Projekt in seiner Konzeption auf den familiären Kontext abzuzielen versucht, finden sich auch hier nur wenige Arbeiten, die die sozialen Beziehungen der drei untereinander oder aber die reale Elternarbeit thematisieren.

Für unsere Edition haben wir mit Susanne von Bülow eine Künstlerin gefunden, die unter dem Titel Motherhood pointiert zum elterlichen Alltag Stellung bezieht. Humorvoll-satirisch verweist sie auf die Veränderungen partnerschaftlicher Beziehung, die sich schon während der Schwangerschaft anbahnen, die Umstellung des Alltags, das plötzliche Eingebundensein in sich untentwegt wiederholende Abläufe und die damit einhergehende Isolation. Und sie zeigt, wie sehr werdende und junge Mütter sich in gesellschaftlichen Rahmenbedingungen behaupten müssen: die zunehmenden diagnostischen Möglichkeiten einerseits und der allmächtige Einfluß der Konsumwelt (Spielzeugindustrie) andererseits. Nicht nur im Hinblick auf die allerorts schmalen Kassen, sondern vor allem wegen der Allgegenwärtigkeit des Themas Mothering war uns daran gelegen, diese Edition in einem adäquaten ubiquären Medium, der Postkarte, anzubieten. Der leicht karrikierende Blick von Bülow schließlich schafft eine ironische Distanz, mit deren Hilfe die emotionalen Nuancen der Thematik besser wahrnehmbar sind. Darüberhinaus macht sie die mangelnde politische Entschlossenheit in der Debatte um die Vereinbarkeit familiärer und beruflich anspruchsvoller Aktivitäten von Frauen etwas erträglicher.

Die Redaktion von FrauenKunstWissenschaft dankt Monika Kaiser für ihre Bereitschaft, dieses Heft als Gastredakteurin mit zu betreuen. Der gemeinsame Dank gilt der Frankfurter Fotografin Barbara Klemm, die uns für Titelbild und Abbildungen innerhalb der Zeitschrift drei ihrer unvergeßlichen Augenblicke zur Verfügung stellte, der Schriftstellerin Ingrid Noll und dem Diogenes-Verlag, die uns freundlicherweise den Wiederabdruck einer einfühlsamen Bild­interpretation frei von kunstwissenschaftlichen Zwängen genehmigten, den beiden Rezensen­tinnen sowie der Künstlerin Susanne von Bülow und allen Autorinnen, die mit ihren speziell zum Thema Mothering erstellten Beiträgen diese Ausgabe mit uns realisierten.

Monika Kaiser / Birgit Thiemann


[1] Sara Ruddick: Maternal thinking. Towards a politics of peace. 1989; dt.: Mütterliches Denken. Für eine Politik der Gewaltlosigkeit. Frankfurt am Main 1993; dies. / Julia E. Hanigsberg (Hrsg.): Mother Troubles. Rethinking contemporary maternal dilemas. Boston 1999. - Auch. Ruddick sieht in der Mutter die primär Zuständige für Kleinkinder; sie plädiert jedoch, ausgehend von der moralpsychologischen These von Carol Gilligan (1982), für ein gesamtgesellschaftliches Umdenken, bei dem Fürsorge und Gerechtigkeit einen höheren Stellenwert erfährt als Erfolg und Reichtum.

[2] Die Geburtenrate in Deutschland sinkt nicht etwa, sondern befindet sich in (West)Deutschland bereits seit Mitte der Siebziger Jahre auf einem niedrigen Niveau, vgl. Heike Wirth / Kerstin Dümmler: Zunehmende Tendenz zu späteren Geburten und Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen. Eine Kohortenanalyse auf der Basis von Mikrozensusdaten. In: Informationsdienst Soziale Indikatoren (ISI) 32, Juli 2004, S.1-6.

[3] Susanne Mayer: Deutschland armes Kinderland. Wie die Ego-Gesellschaft unsere Zukunft verspielt. Plädoyer für eine neue Familienkultur. Frankfurt 2002.

[4] Diese Diskussion der 1970er/80er Jahre hatte mit der Abtreibungsproblematik natürlich einen anderen Ausgangspunkt und knüpfte an Debatten der 20er und 30er Jahre an, vgl. in diesem Zusammenhang u.a.: Gisela Schirmer: Käthe Kollwitz und die Kunst ihrer Zeit. Positionen zur Geburten­politik. 1998 (Schriften der Guernica-Gesellschaft, 4). Ausgehend von der Aufsehen erregenden Ausstellung Frauen in Not 1931 in Berlin untersucht Schirmer die Wechsel­be­ziehungen zwischen Kunst und den gesellschaftlichen Prozessen im Umfeld der Geburten­politik.

[5] Renate Schmidt gegenüber der Financial Times Deutschland am 2.9.2004, zitiert nach: Erziehung soll auch Vätersache werden. In: ZWD – Zweiwochendienst (online-Version) v. 3.9.2004.

[6] Gezeigt wurden Arbeiten von 27 zeitgenössischen Künstlerinnen (Malerei, Video, Fotografie, Performance, Installation) , die sich dem Verhältnis von Müttern und Kindern bzw. ihrer Doppelrolle als Künstlerin und Mutter widmen, u.a. von Eva Bertram, Valie Export, Twin Gabriel, Marian Kiss, Ewa Partum, Ulrike Rosenbach, Blán Ryan, Judith Samen, Bettina Semmer. Der gleichnamige Katalog, hrsg. von der Kuratorin, enthält Texte von Gislind Nabakowski, Else Gabriel, Peter Funken und Claudie Wahjudi und erschien zweisprachig (deutsch / englisch) im Vice Versa Verlag Berlin (incl. der vollständigen Interviews auf DVD).

[7] Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf die vom Deutschen Kulturrat im Mai 2004 gemeinsam mit der Präsidentin der Kultusminister­konferenz, Doris Ahnen, vorgestellte Studie Frauen in Kunst und Kultur II: In dieser wurde im Zeitraum von 1995-2000 untersucht, inwieweit Frauen in Führungs­posi­tionen von kulturellen Einrichtungen vertreten sind und welchen Anteil sie an der individuellen Künstlerförderung haben. Das Ergebnis ist noch immer ernüchternd. Viele junge Frauen streben eine künstlerische Karriere an, stellen teilweise den größten Teil der Studierenden, sind aber immer noch nicht entsprechend an der Künstler­för­derung beteiligt und in der Leitung von Kultureinrichtungen selten vertreten. Zitiert nach www.Gender-net.de (14.9.04).

[8] Zum Stichwort Mutter gibt es allein fast 300 Publikationen, überwiegend jedoch der Unterhaltungs­literatur zuzuordnen. Eine nennenswerte Ausnahme in Hinblick auf die Visualisierung von Mütterlichkeit stellt der Bildband Mothers on Earth (Frankfurt a.M., 1997) der israelischen Fotografin Aliza Auerbach (*1940) mit 160 Schwarzweiß-Foto­grafien zum Thema Mutter-Kind-Beziehung aus aller Welt dar.

[9] Neben Rezensionen zahlreicher v.a. soziologischer Studien auch folgende: Gereon Becht-Jördens / Peter M. Wehmeier: Picasso und die christliche Ikonographie. Mutterbeziehung und künstlerische Position. Berlin 2003 (Rezensentin: Bärbel Küster), www.Querelles-net.de.

[10] Sarah Blaffer Hrdy: Mother Nature. A History of Mother, Infants, and Natural Selection. New York 1999; in Deutsch: Mutter Natur. Die weibliche Seite der Evolution. Berlin 2000 (Taschenbuchausgabe: Berlin 2002); Harrad Schenk: Wieviel Mutter braucht der Mensch? Der Mythos von der guten Mutter. Köln 1996, 20025 (2003 sogar bereits ins Neugriechische übersetzt); Barbara Vinken: Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos. München / Zürich, 2002 (Serie Piper Bd. 3705).

[11] Vgl. hierzu auch das Bild der Mutterschaft Gottes bzw. Christus als Mutter von Julian(a) von Norwich (*1342, +nach 1416), behandelt u.a. von Claudia Kolletzki: ”Christus ist unsere wahre Mutter”. Feminine Konnotationen für Christus im Denken der Julian von Norwich. Frankfurt am Main 1997 (Frankfurter theologische Studien, 56).

[12] Ich danke Peter Gullatz für diesen Hinweis.

[13] Vgl. z.B. Daniela Hammer-Tugendhat: Zur Ambivalenz patriarchaler Geschlechterideologie in der Kunst des späten 19. Jahrhunderts. Die bösen Mütter von Giovanni Seganini. In: ”Das Weib existiert nicht für sich.” Geschlechterbeziehungen in der bürgerlichen Gesellschaft. Hrsg. v. Heide Dienst / Edtih Saurer. Wien 1990, 148-161.

[14] Elfriede Jelinek im Interview mit Anneriek de Jong, NRC Handelsblad, Amsterdam 1998, zitiert nach Maya Rasker: Mit unbekanntem Ziel. Frankfurt am Main, 2004, S. 245 (Original-Ausgabe: Met onbekende bestemming. Amsterdam 2000).

[15] Annette Brauerhoch: Die gute und die böse Mutter. Kino zwischen Melodram und Horror. Annette Brauerhoch. Marburg 1996.

[16] Elisabeth Bronfen: Geharnischte Glucken. Im Hollywood-Kino blasen die Mütter­monster zum Angriff, in: Die Zeit, Feuilleton 16/2002.

[17] Renate Möhrmann (Hrsg.): Verklärt, verkitscht, vergessen. Die Mutter als ästhetische Figur. Stuttgart / Weimar 1996; der Band enthält u.a. kunsthistorische Aufsätze von Renate Berger, Jula Dech, Tanja Frank, Doris Hansmann, Jutta Held und Martina Sitt, ferner Beiträge zur Literatur-, Religions, Film-, Theater- und Werbegeschichte. - Als einer der ersten kritischen Texte zum Thema sollte zumindest genannt werden: Helke Sander: Die Madonna mit der Kreissäge. Einige Bemerkungen zum Thema Mütter­lich­­­keit. In: Frauen in der Kunst. Hrsg. von Gislind Nabakowski / Helke Sander / Peter Gorsen. Frankfurt am Main 1980, Bd. 1, S. 47-75. Auch gab es bereits eine hitzige Diskussion um symbolische Mutterfiguren, siehe hierzu: Kathrin Hoffmann-Curtius: Ein Mutterbild für die Neue Wache in Berlin. In: Im Irrgarten Deutscher Geschichte. Die Neue Wache 1818-1993. Berlin, 1993, S.41-45 (2., erweiterete Fassung). Hoffmann-Curtius vertiefte ihre Auseinandersetzung mit symbolischen Mutterfiguren im Kontext des Nationalsozialismus, vgl.: Caritas und Kampf. Die Mahnmale in Ravensbrück. In: Insa Eschebach, Sigrid Jacobeit, Susanne Lanwerd (Hrsg.): Die Sprache des Gedenkens. Zur Geschichte der Gedenkstätte Ravensbrück. Berlin 1999, S.55-68; dies.: Feminisierte Trauer und aufgerichtete Helden. Figürliche Denkmäler der frühen Nachkriegszeit in Deutschland und Österreich. In: Insa Eschebach, Sigrid Jacobeit, Silke Wenk (Hrsg.): Gedächtnis und Geschlecht. Deutungsmuster in Darstellungen des nationalsozialistischen Genozids. Frankfurt a.M. 2002, S. 363-394. - Nicht unerwähnt bleiben soll zudem der entsprechende Diskurs im Zusammenhang mit Architekturtheorie, Psychologie, Philosophie und Psychoanalyse bei Insa Härtel: Zur Produktion des Mütterlichen (in) der Architektur. Eine psychologische Textanalyse. Wien 1999.

[18] Teil II ”Vergiß den Ball und spiel weiter”. Das Bild des Kindes in der zeitgenössischen Kunst wurde ebenfalls 1999, in der Kunsthalle Nürnberg präsentiert, Teil III Dein Wille geschehe ... - DasBild des Vaters in der zeitgenössischen Kunst 2000 im Haus am Waldsse, Berlin. Neben drei einzelnen Publikationen erschien die Gesamtpublikation: Mutter Kind Vater. Bilder aus Kunst und Wissenschaft. Hrsg. v. Johannes Bilstein / Eckart Liebau / Matthias Winzen. Köln 2000.

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Dezember 2004
Heft 38 - Klick = großes Bild
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Edition Nr.: 26