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Beiträge
Theresa Georgen: Kunst Mode Architektur – Entfaltungen und Begrenzungen. Zu einem Projekt von Silvia Kolbowski und Peter Eisenman für Comme des Garçons (English version as .pdf file)
Maike Christadler: Indigene Häute. Indianerkostüme am Württembergischen Hof (English version as .pdf file)
Matilda Felix: Modische Erscheinungen in der Kunst. Zum Sehen und Gesehen werden bei Francesco Vezzoli (English version as .pdf file)
Burcu Dogramaci: Sterben in Schönheit. Zur Inszenierung des Todes in der Modefotografie (English version as .pdf file)
Anna-Brigitte Schlittler: Zylinder und Schlurfschale. Einige Überlegungen zur Bedeutung männlicher und weiblicher Kleidermoden
Edition
Nr. 28: Barbara Graf: Ohrobjekt mit Tasche
Bettina Köhler: Untragbar. Mode als Skulptur? Barbara Graf. Zum Beispiel. Die anatomischen Gewänder (English version as .pdf file)
Rezensionen
Anna-Brigitte Schlittler: Tagungsbericht Dress and Gender,London, Juli 2004
Daniela Mondini: Frauen – Klöster – Kunst 2005: zwei Ausstellungen, eine internationale Fachtagung und ein Katalog
Juliane Gallo: Über Schönheit – About Beauty. Ausstellung, Performances, Lectures, Diskussionen, Filme, Musik, Netzprojekt, Berlin 2005Sigrid Brandt: Sonja Dümpelmann: Maria Teresa Parpagliolo Shephard (1903-1974). Ein Beitrag zur Entwicklung der Gartenkultur in Italien im 20. Jahrhundert |
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Ver/kleiden –Ent/hüllen
Überlegungen zu Kunst, Körper und Raum
Der menschliche Körper ist gewöhnlich gekleidet. Er trägt eine zweite Haut, die ihn schützt, die seine Nacktheit bedeckt und seine Scham verhüllt. Gleichzeitig dient die künstliche Hülle als Kommunikationsmittel, die Status definiert und sichtbar macht –oder diesen mit denselben Mitteln verschleiert. Kleidung wird zur Maske, die ver/kleidet und täuscht, aber auch ent/hüllt und erschafft. Ver/kleiden und Ent/hüllen sind Strategien eines Spiels, das Eindeutigkeiten ad absurdum führt und Ambivalenzen repräsentiert und produziert. Über die Kleidung des Körpers entstehen semantische Felder, die zwar auf den Körper verweisen, jedoch über ihn hinaus reichen. Die (Körper)Hülle kann so zu Architektur werden oder zu Skulptur, ihre Repräsentation des Körpers zu einem selbstreflexiven künstlerischen Medium. Der Signifikant des verhüllten Körpers bleibt die Mode. In unserem Zusammenhang kleidet Mode nicht nur, sondern bildet einen der Brennpunkte einer Kulturproduktion, in der sie jedoch gleich von ihrem materiellen in einen diskursiven Zustand überführt wird. Mode ist zu einer Muse der Kunst geworden, die sie imitiert, parodiert, diskursiviert und damit konterkariert. Ebenso bedient sich die Mode der Kunst als Inspirationsquelle –beide stehen in einem Tauschverhältnis. Dabei geht es auch um Strategien des Verkaufs und der Kommerzialisierung wenn sich die Kunst des Vertriebssystems der Mode bedient: multimediale Sichtbarkeit ist auch für Kunst ein möglicher Weg zum Erfolg. Umgekehrt nutzt die Mode Sakralisierungsstrategien der Kunst, um sich ihre Aura von Originalität und Exklusivität anzueignen, um die unendliche Reproduzierbarkeit ihrer Produkte mit der gesetzten Einmaligkeit der künstlerischen Kreativität zu überhöhen.
Doch Mode steht in einem immer abstrakteren Verhältnis zum Körper, den sie mit ähnlichen Interessen bekleidet wie ihn die Kunst enthüllt. Die Komplementarität von Konstruktion und Dekonstruktion, von innen und außen, von Oberfläche und ihrem Darunter machen zeitgenössische Überlegungen zu Mode und Kunst produktiv und schaffen dort Ambivalenzen wo binäre Modelle vorherrschten. Über die Bilder des Körpers und seiner Transformationen vereinen sich Mode und Kunst und münden in die Diskursivität um den Körper und die manipulative Kraft von Bildern.
War noch vor 11 Jahren im FKW-Heft 17 zu Mode (1994) von einer neuen Komplizenschaft zwischen Mode und Dekonstruktion die Rede, die über Kleidung eine 'Natürlichkeit' der traditionellen Geschlechterrollen negierte, so scheinen die Autorinnen des vorliegenden Heftes diese Erkenntnis bereits selbstverständlich vorausszusetzen. Mode und Kunst sind Medien einer Sichtbarmachung kultureller Praktiken, die um Authentizität und Natürlichkeit kreisen. Dort wo der (weibliche) Körper als Bild gesetzt wird, ist seine Aufgabe, 'Natur' zu signifizieren. Dieser Zuschreibung widersetzen sich die selbstreferentiellen Strategien einer übersteigerten Künstlichkeit, die in den verschiedenen Aufsätzen des Heftes diskutiert werden.
Theresa Georgen schildert die Symbiose von Kunst und Mode am Beispiel des Modelabels Comme des Garçons. Silvia Kolbowski und Peter Eisenmann haben für die Boutique in New York eine Architektur geschaffen, die auf Schnittmustern der Marke beruht und diese –und damit den Körper, den sie verhüllen –quasi von innen begehbar macht. Die Edition von Barbara Graf greift diese Transformation von Kleidungs-Schnitt in Kunst auf. Die Künstlerin entwirft mit ihren Anatomischen Gewändern anziehbare Körperteile, die das Innere des Leibes auf der Haut sichtbar machen. Sie schafft, wie Bettina Köhler ausführt, eine Verbindung von Kleidung, Skulptur und Körper. Zwar nicht den inneren Körper nach aussen, aber dennoch andere Leiber auf ihrer Haut tragen auch die Württembergischen Höflinge in einem Festaufzug von 1599. Nach Maike Christadler enthüllt die Ver/Kleidung in indianische Kostüme ein Begehren nach der Aneignung dessen, was aus dem Zivilisationsdiskurs der Kleidungscodes ausgeschlossen ist. In der Fiktion der Inszenierung werden fremde Identitäten und (Geschlechter)Rollen vorgeführt und getestet.
Matilda Felix zeigt, dass Francesco Vezzoli den Hochglanzaspekt der Modewelt und ihrer ProtagonistInnen benutzt, um in seinen Werken über Authentizität und Wahrnehmung zu reflektieren. Er verschmilzt Glamour und Aura und macht ostentative Künstlichkeit zu einem Instrument der Diskursanalyse –Mode und Kunst sind hier in ihrer gegenseitigen Ergänzung als kulturelle Praktiken konzipiert. Wie stark sich die mediale Repräsentation von Mode auf bildkünstlerische Vorbilder beruft wird in Burcu Dogramacis Text deutlich. Die zeitgenössische Modefotografie inszeniert ihre Models als „schöne Leichen“–und rekurriert damit auf ein Bildthema der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im dramatischen Bühnencharakter der Fotos ist der traditionelle Diskurs einer Verbindung von Weiblichkeit und Tod zur Schau gestellt und damit sichtbar gemacht. Wo Dogramaci diese künstliche Überhöhung als Mittel der Decouvrierung liest, zeigt Anna-Brigitte Schlittler mit einer Untersuchung der geschlechtsspezifischen Mode-Nutzung, dass der Kleidungscode immer zeitgebunden, transitorisch und von der Wahrnehmung seiner Betrachter abhängig ist. Die Aktualität der Mode-Debatte seit den 90er Jahren lässt sich an zahlreichen Ausstellungen, Veröffentlichungen und einem anhaltenden Interesse der Medien ablesen. Die meisten Publikationen feiern Mode als Lebens-Art und zielen auf ihre Nobilitierung durch die Annäherung an die Kunst. Die Beiträge des Heftes diskutieren dagegen die ostentative Artifizialität von Kunst und Mode, die in dem Selbstverständnis, kulturelle Praktiken zu sein, aufeinander verweisen. |
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