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Einleitung
Heavenly creatures? Bilder kontingenter, komplizenhafter FreundInnenschaft
Über Poesie- und Fotoalben, Stammbücher oder Bänder, im Brief, im Lob als literarischer Gattung, in Gaben, Hommagen und selbst Zitaten, im Sich-Beziehen-auf wird FreundInnenschaft hierzulande Form gegeben. Sie kann derart situativ fest gemacht werden, ohne dass darin ihre Struktur, eine Motivation oder Lebensweise erkennbar würde. Wird ‚Freundschaft' aber als Grußwort verwendet, werden Handschlag, Umarmung oder Kuss etwa für den Blick der Presse als Zeichen von Verständigung, der Beendigung von Feindschaft festgehalten, wird damit eine konkrete Mitteilung gemacht, die Auskunft über eine Struktur von Beziehung geben soll: Eine persönliche, affektive, mitunter auch sentimentale Seite von Freundschaft in ihrer Diffusion wird deren politischen Dimensionen oftmals gegenübergestellt, wobei entlang eines möglichen Nutzens, eines Gebrauchswertes differenziert wird. Die persönliche Freundschaft mit ihrer Charakterisierung als freiwillig und frei, von unbestimmbarer Dauer und unbestimmbarem Grund wurde in philosophischen und theoretischen Diskursen vor allem der Antike und des 18. Jahrhunderts [1] bis hin zu Derridas Politique de l'amitié [2] zumeist davon geschieden. Vorwiegend auf Gleichheit und Ähnlichkeit basierend gedacht war Freundschaft darin zumeist eine Qualifizierung vorwiegend heterosexueller, homosozialer Männlichkeit, wobei sich das high and low der Freundschaft interessanterweise zwischen einerseits persönlich und politisch, andererseits tugendhaft und begehrlich durchkreuzt. Freundschaften, die sich jenseits geschlechtlicher ‚Gleichheit' ereignen, wurden dabei vielfach als unmöglich, zweitrangig oder kurios erachtet, Freundinnenschaften wurden bagatellisiert. Die Sozialform Freundschaft, getragen von Wahrnehmungsweisen und Affekten, der Geschichte von Gefühlen gleich wie der Geschichte von Verbindungen und Bündnissen [3] wurde in den Hauptlinien folgendermaßen kategorisiert: als Anderes von Feindschaft und sexualisierter Liebe, wobei Beziehungen in Liebe und/oder Freundschaft zumindest "die Möglichkeit einer Suspendierung von Gewalt und Machtverhältnissen"[4] bereithalten; als Anderes von Verwandtschaft, getragen von Freiwilligkeit und einer vergleichsweisen Formlosigkeit, und doch entzifferbar über historische Codierungen ehrenhaften Verhaltens und Moral, allen voran Vertrauen, Diskretion und Verantwortung. Als einen "dritten Weg" jenseits der Un/Sicherheiten von Familie und Wohlfahrtsstaat, sexueller Liebe und Verwandtschaft hat jüngst etwa Heinz Bude Freundschaft beschrieben.[5] Traditionell männlich kodiert lässt sich trotz Abgrenzung gegenüber einer auf Blut oder Genen basierenden Verwandtschaft die als Verbindung zwischen (zwei) freien Bürgern angesprochene Freundschaft mit ihrer möglichst reziproken Struktur aber auch als Brüderlichkeit, als Synonym für Demokratie verstehen: Symmetrie, das Teilen von Überzeugungen und Loyalität waren durch die Geschichte der philosophischen Thematisierungen hindurch vorherrschend. Mit der sisterhood der Zweiten Frauenbewegung wurde somit auf einen doppelten Ausschluss in den Konzepten Freundschaft und Gleichheit reagiert, sie verblieb aber im Familialen,[6] wodurch kontingente Aspekte, letztlich nicht begründbare Ursachen für affektive Freundschaft, die gleichermaßen als Abgrenzung hin zu politischer Freundschaft und Solidarität wie zu Verwandtschaft eingesetzt werden können, unterschlagen werden: Sowohl Verwandtschaft als auch Freundschaft vermitteln zwischen Öffentlichem und Privatem.[7] Es sind dies aber gedankliche Trennungslinien, die mäandern; sowohl jene hin zur Liebe und zur Sexualität, die oft nur in zeitlicher Hinsicht gilt, als auch jene hin zu verwandtschaftlichen Bezügen, die zusehends kontingentere Züge annehmen und Verschiedene versammeln.[8]
Konzepte von philía, Tugendfreundschaft,[9] über amicitia, Nächstenliebe, caritas und caring bis hin zur Gastfreundschaft[10] wie auch sozialhistorisch ergründbare Formen gelebter FreundInnenschaft sind derart zahlreich, dass sie nicht in wenigen Zeilen nachgezeichnet werden können. Vielleicht sind die Versuche der Kategorisierung von FreundInnenschaft, die zudem der Affirmation stärker ausgesetzt ist als verwandte Phänomene - dort, wo sie nicht gut ist, ist sie nicht - aber auch grundsätzlich scheiterungsanfällig, scheinen doch die konkreten Beziehungen in diesem Bemühen in Deckung zu gehen. Die Relevanz der Thematisierung aber verdeutlicht sich trotz dieser Schwierigkeit schnell: einerseits in der Ahnung sowohl der Vagheit und Unfassbarkeit, vielleicht auch Instabilität, und gegenläufig in den Dimensionen von Treue, ZeugInnenschaft und sozialer Absicherung, andererseits in der Unmöglichkeit der Einseitigkeit, im potenziellen Ausweg aus den Dynamiken von Herrschaft und Unterwerfung, den bereits Simone de Beauvoir in der reziproken Anerkennung der FreundInnenschaft als einem Ins-Subjekt-Setzen des/r Anderen gesehen hatte.[11] Schnell verdeutlicht sich auch der Zusammenhang zur Figur Solidarität als Grundlage politisierter Freundschaft, die durch koalitionäre Bemühungen und das Normieren politischer Rede aber allzeit gefährdet bleibt - ein Zusammenhang, auf den der Beitrag von Elke Frietsch mit Blick auf kulturelle Differenz und die Sprechakttheorie Judith Butlers in diesem Heft eingeht -, die Relevanz der Kontroverse um ein Wir in feministisch-politischen Zusammenhängen,[12] um verschiedene Figuren der Anerkennung für Differenz und Indifferenz, und weiters die notwendige Anerkennung von FreundInnenschaft für Lebenszusammenhänge jenseits von Heteronormativität: Foucault spricht davon, dass es gelte, "Diagonalen ins soziale Gewebe" einzuzeichnen, Beziehungen zu erfinden, die noch formlos sind, worin die eigentliche ermöglichende Unruhe liege, die von gleichgeschlechtlichen Lebenszusammenhängen ausgehen kann.[13] Diese Unruhe, hier in den Formen von Verkennung und Maskierung lesbischen Begehrens oder inniger Frauenbeziehungen, wird von Annegret Friedrich in diesem Heft anhand unterschiedlicher Lesarten des Sapphischen im 18. Jahrhundert verdeutlicht.
Die "Aufkündigung eines statischen Freundschaftsbegriffs" ist auch das Anliegen von Silvia Bovenschen, wenn sie davon spricht, dass es gelte "das Denken über die Freundschaft aus der Kalenderblattbetulichkeit herauszuholen; es wieder zu einem beunruhigenden Thema zu machen, ihm die entgrenzende Radikalität, die ihm gebührt, zurückzugeben. Unordnung in die Symmetrien gedachter Anziehungsordnungen zu bringen…".[14] Und sie setzt dabei auf Kontingenz, auf ein nicht-verstehbares Zusammenspiel von Eigenheiten, auf denen Individualität ruhe. Diese beschreibt sie als "Bewegungen, in denen verschiedenartige idiosynkratische Impulse ineinandergreifen, ‚Glückslinien' bilden, die sich unkoordiniert und wechselhaft miteinander verflechten [...]." Sie spricht von Konspiration anstelle von Konversation, von "subversiver Komplizität" anstelle einer "nuancenlosen Kumpanei des Nutzens und der Gewohnheit" und gibt damit der Asymmetrie und Verschlungenheit im Denken von Freundschaft, wie sie von Georges Bataille, Gilles Deleuze und Jacques Derrida[15] formuliert worden ist, weiter Raum. In seinem Denken des Partikularen und seinen vielgestaltigen Versuchen, Verstand und Kategorienbildungen zu entmachten - "Meine Konzeption ist ein zerfetzter Anthropomorphismus"[16] - , um einen Weg zu Ekstatischem freizulegen, hatte Bataille gänzlich Nutzloses als Wege der Erkenntnis anerkannt: Küsse, Gelächter, Schweigen. Und letztere sind es auch, die er einer als Komplizenschaft verstandenen Freundschaft assoziiert, einer Freundschaft, die darauf vertraut, verraten zu werden, und über einen äquivalenten Tausch hinausweist: "Wer von Gerechtigkeit spricht, ist selber Gerechtigkeit, schlägt einen Gerichtsherrn, einen Vater, einen Führer vor./ Ich schlage nicht die Gerechtigkeit vor. / Ich bringe die komplizenhafte Freundschaft. / Ein Gefühl von Festlichkeit, von Freizügigkeit, von kindlicher und verteufelter Lust."[17]
Dass derart verstandene Freundschaft nur zu Wenigen unterhalten werden kann, ist offensichtlich.[18] Aber nicht nur in dieser Hinsicht steht die gefeierte Formlosigkeit in äußerstem Gegensatz zu alltäglichen Diskursen um Freundschaft. Einerseits institutionalisieren Internet-Netzwerke wie MySpace oder FaceBook für ihre KundInnen derzeit Praxen von Freundschaft, die an Quantität orientiert sind und dezidiert auf mehr oder weniger begründbare Mechanismen von Ein- und Ausschluss setzen, virtuelle Gruppenzusammengehörigkeit herstellen. "Adding friends" werden diese Praxen benannt, denen Astrid Konrad, Aneta Mandysová, Alexandra Pichler und Denise Zöhrer hier in einer Forschungsnotiz nachgehen. Annektiert wird per Mausklick und ein Freundeskreis kann gut und gerne Hunderte umfassen. Darüber hinaus stellen allein die FaceBook-User täglich rund 14 Millionen Fotos ins Netz, weltweit versteht sich: eine Praxis, der bislang wenig Beachtung geschenkt wurde.[19] Andererseits besteht die gängige Handlungsfolge von Serien wie Dawson's Creek (US 1998-2003) oder Grey's Anatomy (US 2005-) in den durch nomadisierendes Liebesspiel innerhalb einer Clique hervorgerufenen Irritationen; zusehends konkurrieren freundschaftlich verbundene Kleingruppen in diversen TV-Formaten - von Nachrichtensendungen über Quiz' bis zu den derzeit so prominenten Kochshows wird gerne mit Doppeln und Grüppchen operiert. Es scheint, als sollte damit Stabilität hergestellt werden, als gelte es, durch eine Inflation an Inszenierungen von Freundschaft der Glorifizierung des Liebespaares Stirn zu bieten und ein neues/altes Modell in den Vordergrund zu rücken, das nebenbei auch eine Entlastung von Fragen um Sexualität und Geschlechtlichkeit zu bieten scheint. So könnte gesagt werden, dass Freundschaft derzeit als dominante Figur sozialer Gefüge erscheint, dass innerhalb auch des visuellen Diskurses zusehends Normierungen[20] vorgenommen werden, die Freundschaft nicht nur als ermöglichende Alternative zu Lebenszusammenhängen um Familie und Paar aber auch als ein Gesellschaft und Solidarität ersetzendes Modell erkennbar werden lässt, wo auf einen überschaubaren kleinräumigen und konkurrenzorientierten sozialen Zusammenhang[21] - einen selbst gewählten Clan - gesetzt wird und politische Perspektiven suspendiert werden: Dieser Frage geht Elisabeth Mixa mit ihrem Beitrag zu Freundinnenschaft unter neoliberalen Bedingungen anhand des Films zur Serie Sex and the City (US 2008) nach.
Die Diskrepanz zwischen den in aktuellen theoretischen Debatten favorisierten Momenten von Kontingenz und Komplizenschaft und den derzeit beobachtbaren Anstrengungen, das soziale Phänomen zu normieren und zu normalisieren, ist Ausgangspunkt dieses Heftes. Die Distanz hin zu historisch-spezifischen Befunden wird dabei auf Strategien der Visualisierung zugespitzt, wobei künstlerische, filmische und alltagskulturelle Bildproduktionen gleichermaßen interessieren. Der Fokus liegt einerseits auf der Auslassung Freundinnenschaft wie auf gegenwärtig dominanten Formen der Visualisierung, andererseits auf jenen in der visuellen Kultur vernachlässigten kontingenten Aspekte und deren (geschlechter)politischer Relevanz - im Folgenden soll kurz skizziert werden, inwiefern diese Vernachlässigung auch medial bedingt sein mag, eine Frage, die im Beitrag von Patrick Vogl mit der derridaschen Lesart von Freundschaft als Unzeit dann ausführlicher diskutiert wird.
Freundschaft lässt sich nur schwer darstellen, ihr eignet keine spezifisch ikonische Gestalt, ihr wurden mit Ausnahme vielleicht von Winnetou und Old Shatterhand kaum alltagstaugliche Archetypen gefunden; sie ereignet sich in der Zeit, in unspektakulären Handlungen, im Gespräch. Der visuelle Diskurs, wo er über Portraits auch in Doppeln und Gruppen hinausweist, ist bis hin zu den bewegten Bildern und audiovisuellen Medien nur schwer greifbar.[22] Darstellungskonventionen von Freundinnenschaft vor den 1970er Jahren sind kaum auszumachen - Geschlechterperspektiven in den Analysen sind nach wie vor rar.[23] In seinen bevorzugten Medien Sprache und Schrift, Gespräch und Brief ist der Diskurs von Seiten der feministischen Literaturwissenschaft bearbeitet worden,[24] für die Kunstgeschichte hat das Münchner Zentralinstitut 2006 einen materialreichen Band veröffentlicht, wo Freundschaft als ikonografisches Abstraktum interdisziplinär bearbeitet wurde: Neben theologischen und literaturwissenschaftlichen Analysen werden Personifikationen der amicitia, die Darstellung der Freundschaft zwischen Herrschern im Mittelalter und auch die Ikonografie des Händedrucks analysiert. Geschlechterkritisch werden neben der Analyse von us-amerikanischen Freundinnen-Filmen v.a. der 1980er Jahre männliche Passionen in der Renaissance unter dem Gesichtspunkt einer noch nicht vollzogenen Differenzierung zwischen Liebe und Freundschaft, Widmungen in Stammbüchern des 16.-19. Jahrhunderts und gestickte Gaben bearbeitet.[25] Es sind dies für die Bereiche bildende Kunst und visuelle Kultur also gleichsam manifeste Formen, Portraits, Darstellungen von Personen in einschlägigen Handlungen oder Dinge, die zwischen FreundInnen als Gaben wandern.
Kontingente, komplizenhafte FreundInnenschaft - "Bündnis aus dem Nichts"[26] - kann sich aber in gemeinsamem Nichts-Tun gleich wie in solidarischem Handeln veräußern. Sie kann in subversiver politischer Aktion oder auch in kollektiver Autorschaft Gestalt annehmen - wie etwa bei den Schwestern Hohenbüchler oder dem Critical Crafting Circle, der für dieses Heft einen Beitrag zur Edition Taschentücher von Katharina Krenkel erstellt hat. Der Umgang mit Textilem verbindet diese Künstlerinnen und AutorInnen, das Verarbeiten von Fäden auch als Schreiben, wo Anfang und Ende, Motivation und Ursache und auch Einzelheit wie in der Freundschaft gegenüber dem Versponnenen, Verknüpften in den Hintergrund treten, wo aber auch Auslassungen - dem Nichtverknüpften oder Unverlässlichen, von dem Derrida mit Nietzsche sagt, dass es mit seinem Gegenteil "verhäkelt, ja vielleicht wesensgleich"[27] sei - Raum gegeben wird, wo Genealogie und Kritik der Tätigkeiten von Frauen keinen Widerspruch bilden. Und so kann gefragt werden, inwiefern das Textile neben Brief und Karte als ein freundinnenschaftliches Medium betrachtet werden könnte, das zudem - wie in der Zusammenarbeit der Zwillinge Hohenbüchler - hier über den Abdruck auf Fragen nach dem Paar und der Zwei geöffnet bleibt.
Geteilte Autorschaft kann aber auch bis hin zum Mord reichen und, wenn auch nicht freundlich, so doch freundinnenschaftlich motiviert sein. Ganz im Sinne einer batailleschen kindlichen und verteufelten Lust setzte Peter Jackson dies in Heavenly creatures (NZ 1994) in Szene, wo die innig - bis hin zu einer gemeinsam erträumten Vierten Welt - verbundenen Mädchen Paul(ine) und Juliet die bevorstehende fremdbestimmte Trennung durch einen Mord zu verhindern suchen. Sich selbst als außergewöhnlich wahrnehmend wurde die leidenschaftliche Beziehung von ihrer Umgebung im Jahr 1954 als "ungesund" bezeichnet - das Himmlische musste vorwiegend in Traumhaftes verschoben werden -, eine Diskrepanz, die Jackson über ein von Plastilin-Figuren belebtes Paralleluniversum, über Analogien von Familienfeiern und dem Festlichen des Mordes und subtil über den wiederholten Blick auf Füße vermittelt: Gehen, Fliehen, Verletzt-Sein, Hüpfen, Verfolgen führen uns zur verzweifelten Entscheidung der Mädchen gegen einen "rechten Weg."
Und auch Thelma & Louise im gleichnamigen Film von Ridley Scott (US 1991), ein buddy road movie mit weiblichen Protagonisten, sind Verschworene ohne Fahrplan. Die gleichsam zufällige Ermordung eines Vergewaltigers lässt einen Wochenend-Trip, der nichts als eine kleine Erholung von Alltag und Männern werden sollte, zur Flucht quer durch die Staaten, in der Weite des Cinemascope, werden, an der die beiden in einer Mischung aus Verzweiflung und gutem Humor bis hin zum Freitod - "Wie gefällt Dir unser Urlaub bis jetzt?" fragt Louise kurz vor Ende - zusehends Freude und Selbstachtung gewinnen. Zunächst als gänzlich Verschiedene gezeichnet bringen die turbulenten Ereignisse ein Wandern der Eigenheiten und Handlungsfähigkeit mit sich, das sie letztlich als verwandt erscheinen lässt: In dieser Verschworenheit, die keiner Verabredungen mehr bedarf, bezeichnen sie sich als "gute Freundinnen."
Neben diesen Formen von Tätigkeit - für die Gastfreundschaft wären etwa auch die aktionistischen Kochperformances und Essens-Einladungen in musealem Rahmen eines Rirkrit Tiravanija zu nennen - gilt es aber auch, spezifische Formen der Untätigkeit in den Blick zu nehmen. Es gäbe keine Sprache der Freundschaft, so Bovenschen, im Gegensatz zur Sprache der Liebe, das Gespräch selbst sei die Figur des Sich-Ereignens von Freundschaft, das sich nicht an ein Sortieren von Diskursen hält und immer der Sache selbst gefährlich bleibt.[28] Dies in nicht-bewegten Bildmedien darzustellen, wo ein gemeinsames Drittes weitgehend außen vor bleiben muss, ist von gemeinsamem Schweigen kaum unterscheidbar, zumal dort, wo heftige Mimik oder Gestik als unschicklich galten. Wohl deshalb zeigt uns Mary Cassatt ein selbstverständlich wirkendes, schweigend-verhaltenes Zusammensein in Le Thé (1880, Museum of Fine Arts Boston), wo zwei junge Frauen körperlich nahe und dennoch distant nebeneinander sitzen, wo Nähe vor allem über farbliche Angleichungen und ein Umfangen-Sein von Dekor vermittelt wird.[29]
Zum Gespräch gehört auch das Zuhören, eine Metapher für "innere Gastfreundschaft" als herrschaftskritische Haltung:[30] Als Aktivität des kulturell vernachlässigten Ohres verstanden setzt Christina Thürmer-Rohr dieses Hören sowohl von einem weiblich konnotierten Empfangen wie auch vom Lippen-Lesen der Sprache der Macht ab. Dass aber nicht nur das Zuhören, sondern selbst das Schweigen im Sinne einer Politik der Passivität subversiv sein kann, das führt Marguerite Duras in Nathalie Granger (F 1972) vor Augen, wo Lucia Bose und Jeanne Moreau neben gemeinsamen häuslichen Verrichtungen vor allem miteinander schweigen oder in Halbsätzen sprechen und dies in Reaktion auf ein Außen, Nachrichten im Radio, Gespräche mit Amtsinhabern, wo mehrfach von Gewalt, der angeblichen Gewalttätigkeit von Kindern, der Gewalt der Einwanderungsbehörde, die Rede ist. Die Freundinnen problematisieren dies nicht im Gespräch, kein Für und Wider ist zu hören; sie handeln unaufgeregt, gleich-gestimmt, letztlich mit Verweigerung: Sie überantworten das schwierige Kind Nathalie nicht der Institution Internat.
Während Schrift und Nachrichten hier ein feindliches Außen markieren, geben Schreiben, Brief und Karte als etablierte Medien der Freundschaft Suzanne und Pauline in Agnès Vardas L'une chante, l'autre pas (F 1976) Gewähr. Zweierlei mediale Leitfiguren setzt Varda in ihrem Film ein, der auch ein Stück Geschichte der Frauenbewegung vermittelt: Gegen die Portraitfotografie mit traditioneller Rollenverteilung, unwillentlich projektiv und verdinglichend, stellt sie die Postkarte, die neben dem inneren Monolog an die ferne Freundin die Verbindung zwischen Pauline und Suzanne mit ihren so verschiedenen Leben aufrecht erhält. Es ist ein stiller Dialog, "dessen Interpunktion die Postkarten waren"; die Karten sind Struktur und Rhythmus, nicht Botschaft, im geteilten Bemühen der beiden darum, "dass es ein Glück sein kann, eine Frau zu sein." Als zeitlich-räumliches Intervall verstanden, liegt eine derartige Interpunktion auch den in diesem Heft reproduzierten Montagen friends 1-3 (2008) von Ines Doujak zugrunde, die Kerstin Brandes mit Blick auf eine tendenzielle Entkoppelung von Geschlechtlichkeit und Sexuellem, auf einen Zwischenraum bespricht. Kleine Szenen der Freundinnenschaft zeigen nichts als die Körper im Zueinander, das streng gesetzte Intervall aber kontrastiert eine bataillesche Formlosigkeit des Lachens, das uns zu sehen gegeben wird, und vermittelt so Postkonventionalität.
Was Maurice Blanchot von der Unmöglichkeit sagt, über einen Freund - eine Freundin - zu sprechen, weder lobend noch im Interesse der Wahrheit, weil die Distanz, die sich in Nähe herstellt, das Intervall zwischen Zweien, das separiert und die eigentliche Relation herstellt, im Heraustreten zerfalle und indifferent werde,[31] das kann auf das Zeigen und Darstellen übertragen werden, ohne dass dabei Gegenwärtigem das Wort geredet werden muss - der/die FreundIn kann fern sein bzw. zeigt sich vornehmlich über Abwesenheit. Als Einzelne/r wird er/sie in nicht-zeitbasierten Medien nur über Beigaben erkennbar, Widmungen, Gaben, als Zwei oder in der kleinen Gruppe über Gesten, einem Miteinander ohne viel Berührung, aber über Gespräch, Schweigen, Hören, Lachen, über Phänomene also, die dem Bild wenig zugänglich sind, so wie sich die angesprochene Relation/Differenz dem Sehen gegenüber verschließt. Diese wird im nicht-bewegten Bildmedium erst in der Multiplikation, der Wiederholung - bei Doujak in der Montage - vermittelbar. Darüber hinaus lässt Doujak Figuren posieren, die in der queer-feministischen Wiener Szene bekannt sind, wodurch auch eine Idee von Solidarität und Community vermittelt wird. Und letztere ist auch tragendes Gerüst der Œuvrekonzeption von Nan Goldin seit den 1970er Jahren, wo FreundInnenschaft als alternative, selbst-gewählte Verwandtschaft erscheint, wo wiederholt namentlich genannte Personen aus dem privaten und subkulturellen Umfeld gezeigt werden - glamourös oder divenhaft gleich wie drogiert oder krank - und vor allem fotografiert aus einer Perspektive der Teilnahme, nicht sprechend-über: "Anti-soaps",[32] privat, intim und politisch.
Edith Futscher
[1] Einen kursorischen Überblick über die philosophischen Thematisierungen bietet die Anthologie von Klaus Eichler: Philosophie der Freundschaft, Leipzig 1999. Vgl. Neera Kapur Badhwar (Hg.), Friendship. A Philosophical Reader, Ithaca/London 1992. Zum Weltbezug bei Arendt vgl.: Christina Thürmer-Rohr, Anfreundung mit der Welt - Jenseits des Brüderlichkeitsprinzips, in: Heike Kahlert, Claudia Lenz (Hg.), Die Neubestimmung des Politischen. Denkbewegungen im Dialog mit Hannah Arendt, Königstein/Taunus 2001, S. 136-166. Zu einer Re-Autorisierung des (Frauen-)Politischen über Freundinnenschaft: Birge Krondorfer, Freundinnen zur Welt! Genealogie oder Konstruktion? In: http://translate.eipcp.net/transversal/0607/krondorfer/de
[2] Jacques Derrida, Politik der Freundschaft (1994), Frankfurt a.M. 2002.
[3] Vgl. etwa Claudia Benthien u.a. (Hg.), Emotionalität. Zur Geschichte der Gefühle, Köln/Weimar/Wien 2000; Jost Hermand, Freundschaft. Zur Geschichte einer sozialen Bindung, Köln/Weimar/Wien 2006.
[4] Pierre Bourdieu, Die männliche Herrschaft (1998), Frankfurt a.M. 2005, S. 188.
[5] Heinz Bude, Die Aktualität der Freundschaft, in: Mittelweg 36 (2008), S. 6-16, hier S. 8.
[6] Vgl. Thürmer-Rohr 2001 (wie Anm. 1). Sie argumentiert hier Arendts Politisierung von Freundschaft im Sinne einer Herauslösung aus dem fraternalen Zusammenhang, ihre Verschiebungen von Gleichheit hin zu Pluralität.
[7] Ursula Nötzoldt-Linden, Freundschaftsmuster. Studien zur Soziologie weiblicher Solidarität, in: Sabine Eickenrodt/Cettina Rapisarda (Hg.), Freundschaft im Gespräch, Querelles (=Jahrbuch für Frauenforschung Bd. 3), Stuttgart/Weimar 1998, S. 105-120, hier S. 114. Nötzold-Linden gibt hier einen Überblick über die Thematisierungen von ‚Frauenfreundschaft'.
[8] Judith Butler spricht von einer Kontingenz auch der Familienordnung, ist sie doch rund um das Inzestverbot organisiert und legt die Abweichung innerhalb dieser Norm offen. Antigones subversiven Akt liest Butler als Allegorie der Krise der Verwandtschaft. Butler thematisiert dies vor dem Hintergrund der vielfältigen Gestalten, die Verwandtschaft heute auch vorübergehend annehmen kann, und argumentiert für einen Poststrukturalismus der Verwandtschaft, der Mehrdeutigkeit in Positionen des Symbolischen einschreibt. Judith Butler, Antigones Verlangen: Verwandtschaft zwischen Leben und Tod, Frankfurt a.M. 2000.
[9] Vgl. Hilge Landweer, Philosophie der Freundschaft im Anschluss an Aristoteles, in: Meike Sophia Baader u.a. (Hg.), Bildungsgeschichten. Geschlecht, Religion und Pädagogik in der Moderne, Köln/Weimar/Wien 2006, S. 235-254.
[10] Zur Gastfreundschaft mit Blick einmal auf die Logiken des Tausches, auf Territorialität und Geschlechterdifferenz, einmal auf Väterlichkeit und Vatermord, Bürgerrechte und die Komplizenschaft von Gastlichkeit und Macht vgl.: Hans-Dieter Bahr, Die Befremdlichkeit des Gastes, Wien 2005; Jacques Derrida, Von der Gastfreundschaft, Wien 2001.
[11] Vgl. Susanne Moser, Freiheit und Anerkennung bei Simone de Beauvoir, Tübingen 2002, S. 176-180.
[12] Strittig ist, kurz gesagt, was als gemeinsamer Nenner verstanden bzw. gesetzt wird, welche Differenzen in einem Wir unterschlagen werden, welche Ausschlüsse vorgenommen werden und welche Verluste in einer Aufgabe des Wir zu verbuchen sind. Vgl. Barbara Rendtorff, "Wir Frauen", in: Dies., Geschlecht und symbolische Kastration. Über Körper, Matrix, Tod und Wissen, Königstein/Taunus 1996, S. 11-36.
[13] Michel Foucault, Von der Freundschaft als Lebensweise. Michel Foucault im Gespräch (1976-1984), hg. von Marianne Karbe und Walter Seitter, Berlin o.J., S. 85-93, hier S. 90 u. 87. Gerade die von institutionellen Rahmungen freie sexuelle Praxis halte Möglichkeiten bereit, neue Lebensformen, Kultur und Ethik zu entwickeln. Ebd., S. 89.
[14] Silvia Bovenschen, Ach wie schön. Freundschaft und idiosynkratische Befremdungen, in: Dies., Über-Empfindlichkeit. Spielformen der Idiosynkrasie, Frankfurt a.M. 2007, S. 119-148, hier S. 131 u. 133. Der Text ist die überarbeitete Fassung des gleichlautenden Beitrags in: Eickenrodt/Rapisarda 1998 (wie Anm. 7), S. 33-47.
[15] Ebd., S. 132 u. 134. Bovenschen bezieht sich hier auf Deleuze: Gilles Deleuze, Claire Parnet, Dialoge. Frankfurt a.M. 1977.
[16] Georges Bataille, Die Freundschaft, in: Ders.:, Die Freundschaft und Das Halleluja (Atheologische Summe II) (1961), München 2002, S. 17-68, hier S. 37.
[17] Ebd., S. 58.
[18] Derrida schlägt entgegen der gängigen Lesart des aristotelischen "O meine Freunde, es gibt keinen Freund" als Differenzierung zwischen Anwesenden und Abwesendem und als Qualifizierung folgende Übersetzung vor: "Der, dem Freunde (gegeben sind), dem ist kein Freund (gegeben)." Derrida 2002 (wie Anm. 2), S. 281ff.
[19] Vgl. Angelika Hager, Sebastian Hofer, Klick the Clique!, in: profil 3 (Jänner 2008), S.74-78, hier S. 74 u. 76.
[20] Eichler stellt fest, dass sich Freundschaft durch das "Merkmal einer geringen gesellschaftlichen Normiertheit" auszeichnet. Eichler 1999 (wie Anm. 1), S. 230.
[21] Vgl. Hermand 2006 (wie Anm. 3), S. 5.
[22] Vgl. Hannah Baader: Das andere Selbst: Sprachen der Freundschaft und die Kunst des Portraits 1370-1520, München 2008 (erscheint im Dezember 2008); Sibylle Appuhn-Radtke, Esther P. Wipfler (Hg.), Freundschaft. Motive und Bedeutungen, München 2006; Vriendschap (friendship), Kunstschrift 43/2 (April 1999), S. 9-52; Bettina Baumgärtel, Freiheit - Gleichheit - Schwesterlichkeit. Der Freundschaftskult der Malerin Angelika Kauffmann, in: Ausst.-Kat. Sklavin oder Bürgerin? Französische Revolution und Neue Weiblichkeit 1780-1830 (Historisches Museum Frankfurt), Frankfurt a.M. 1989, S. 325-339. Klaus Lankheit, Das Freundschaftsbild der Romantik, Heidelberg 1952
[23] Karen Hollinger, Mainstreaming Women's Friendship: American and German Variations, in: Sibylle Appuhn-Radtke 2006 (wie Anm. 22), S. 217-237. Auch die Beiträge von Ulrich Pfisterer und Uta-Christiane Bergemann nehmen Geschlechterperspektiven ein. Ebd. S. 239-259 u. 273-287.
[24] Eickenrodt/Rapisarda 1998 (wie Anm. 7). Hier findet sich auch weiterführende Literatur; vgl. v.a. S. 21-30.
[25] Vgl. Anm. 22 u. 23.
[26] Bude 2008 (wie Anm. 5), S. 11.
[27] Derrida 2002 (wie Anm 2), S. 57.
[28] Bovenschen 2007 (wie Anm. 14), hier S. 137-140.
[29] Vgl. Ann-Sophie Lehmann, Vriendelijke gebaren, in: Vriendschap 1999 (wie Anm 22), S. 18.
[30] Christina Thürmer-Rohr, Achtlose Ohren. Zur Politisierung des Zuhörens, in: Dies., Verlorene Narrenfreiheit. Essays, Berlin 1994, S. 111-129, hier S. 111, 116, 117 u. 127.
[31] Maurice Blanchot, Friendship (1971), Stanford 1997, S. 289-292.
[32] Mariëtte Haveman, Intieme vreemden. Portretten van vriendschap in de fotografie, in: Vriendschap 1999 (wie Anm. 22), S. 48-51, hier S. 50.
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